dunkle Seite der M tterlichkeit

by Ulrich Sachsse

Author Ulrich Sachsse Isbn 9783794531530 File size 0 4MB Year 2015 Pages 152 Language German File format PDF Category Family and Friendship Die Mutterliebe und das B se Sie lassen ihre Kinder hungern verabreichen ihnen Medikamente ersticken sie beinahe oder brechen ihre Knochen M tter die unter dem sogenannten M nchhausen Stellvertreter Syndrom auch M nchhausen by proxy Syndrom MBPS leiden f gen ihren gesunden Kindern heimlich aber gezielt Schaden zu So erzwingen sie eine medizi

Publisher :

Author : Ulrich Sachsse

ISBN : 9783794531530

Year : 2015

Language: German

File Size : 0.4MB

Category : Family and Friendship



Ulrich Sachsse

Proxy – dunkle Seite der Mütterlichkeit

Proxy – dunkle Seite der Mütterlichkeit

Herausgegeben von
Ulrich Sachsse

Unter Mitarbeit von
Dieter Birnbacher
Heidi Möller
Tilmann Sachsse
Ulrich Sachsse
Kirsten Stang

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse
Asklepios Fachklinikum Göttingen
Rosdorfer Weg 70
37081 Göttingen

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
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© 2015 by Schattauer GmbH, Hölderlinstraße 3, 70174 Stuttgart, Germany
E-Mail: [email protected]
Internet: www.schattauer.de
Printed in Germany
Projektleitung: Ruth Becker
Lektorat: Volker Drüke, Münster
Umschlagabbildung: © altanaka, www.fotolia.com
Satz: Satzpunkt Ursula Ewert GmbH, 95445 Bayreuth
Druck und Einband: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten/Allgäu
Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-7945-6979-3

ISBN 978-3-7945-3153-0

Vorwort
Dieses Buch wird polarisieren. Bisher habe ich kein Selbstzeugnis einer Frau gefunden, die einmal ein Münchhausen-by-proxy-Syndrom hatte, also ihre Kinder immer wieder so schwer
geschädigt hat, dass sie medizinisch behandelt werden mussten.
Frau „Proxy“, die hier zu Wort kommt, war Opfer und ist
dann Täterin geworden. Das verwirrt, das löst einfache
Schwarz-weiß-Schemata auf, das zwingt zum Nachdenken.
Ausgewiesene Experten nähern sich mit ihrer Perspektive
diesem Selbstbericht: ein Medizin-Ethiker und eine Fachfrau
für Kriminologie, Feminismus und Psychoanalyse, eine Juristin,
ein Kinderarzt und ein Psychotherapeut.
Alle Beiträge sind Annäherungen. Niemand wird für sich in
Anspruch nehmen, dieses Phänomen restlos zu verstehen oder
es erklären zu können.
Das Buch erweitert das Spektrum von Weiblichkeit und von
Mütterlichkeit. Es zwingt zum Nachdenken und dazu, sich
selbst in diesem Feld aus Dilemmata und Ausweglosigkeiten zu
positionieren.
Dieses seltene, aber dann sehr schädliche Syndrom zur Diskussion zu stellen, wird auch unerwünschte Nebenwirkungen
haben. Die Wirkung, darüber sprechen zu können, sich als Betroffene in Therapie oder Beratung begeben zu können, überwiegt.
Verschweigen, ausblenden und verleugnen war mittelfristig
immer der schlechtere Weg.
Göttingen, im Sommer 2015

Ulrich Sachsse

Die Autoren
Prof. Dr. Dieter Birnbacher studierte Philosophie, Anglistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Düsseldorf, Cambridge und
Hamburg. Nach Promotion und Habilitation arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Pädagogischen Hochschule
Hannover und als Akademischer Rat an der
Universität Gesamthochschule Essen. Von
1993 bis 1996 Professor für Philosophie an
der Universität Dortmund, von 1996 bis 2012 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. 2012 Ehrendoktorwürde der
Universität Münster. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Ethik, Angewandte Ethik und Anthropologie. Professor Birnbacher ist Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, Vizepräsident der Schopenhauer-Gesellschaft e.V. und
der Gesellschaft für Humanes Sterben e.V. Er ist Mitglied der
Schriftleitung der Zeitschrift „Ethik in der Medizin“ und Herausgeber und Autor zahlreicher weiterer Publikationen.
Kontakt: [email protected]
Prof. Dr. Heidi Möller studierte an der

Wilhelms-Universität Münster und der
Ruhr-Universität Bochum Psychologie sowie Philosophie und Soziologie im Nebenfach. Nach einer fünfjährigen Tätigkeit als
Regierungsrätin im Strafvollzug in NRW,
während der sie diagnostisch und psychotherapeutisch mit Straftätern arbeitete,
ging sie in die Wissenschaft und promovierte an der TU Berlin zum Thema „Mörder und Mörderinnen
und die Möglichkeiten psychotherapeutischer Angebote im

Strafvollzug“. Nach der Habilitation in Berlin wurde sie Gründungsdekanin der Bildungsfakultät an der Universität Innsbruck und leitete als Direktorin das Institut für Kommunikation
im Berufsleben und Psychotherapie. Seit 2007 ist sie an der Universität Kassel Lehrstuhlinhaberin für Theorie und Methodik
der Beratung und Dekanin des Fachbereichs Humanwissenschaften. Frau Möller ist ausgebildete Verhaltens-, Gesprächs-,
Gestaltpsychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Sie ist
Lehrtherapeutin für Tiefenpsychologie und Gestalttherapie und
Lehrsupervisorin an zahlreichen Ausbildungsinstituten. Ihre
aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Kompetenzentwicklung von Psychotherapeuten, Gewaltphänomene im Profifußball und die arbeitsweltbezogenen Beratungsformate.
Kontakt: [email protected]
Dr. med. Tilmann Sachsse ist Facharzt für

Kinder- und Jugendmedizin, Psychotherapie. Er studierte Humanmedizin an der
Georg-August-Universität Göttingen und
promovierte bei Prof. Dr. Schauenburg
zum Thema Bindungstheorie. Nach dem
Studium durchlief er von 2008–2015 zunächst seine Weiterbildung zum Facharzt
für Kinder- und Jugendmedizin im Kinderkrankenhaus Park Schönfeld sowie im Klinikum Kassel und
war dort anschließend fachärztlich tätig. Seit 2015 arbeitet er in
der Universitätsmedizin Göttingen. Seine Weiterbildung zum
Psychotherapeuten absolvierte er an der Ärztlichen Akademie
für Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen in München,
die 1977 von Gerd Biermann gegründet wurde.
Kontakt: [email protected]

Prof. Dr. med. Ulrich Sachsse studierte in

Göttingen Medizin und promovierte bei
Prof. Dr. Hanscarl Leuner. Seine Ausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und
Psychotherapie, zum Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie und zum Psychoanalytiker durchlief er in den Niedersächsischen Landeskrankenhäusern Tiefenbrunn und Göttingen. Er ist Dozent für
Katathym-Imaginative Psychotherapie (KIP) der AGKB und
EMDR-Supervisor. Bausteine des Curriculums Spezielle Traumatherapie (DeGPT) vermittelt er im ID-Institut Kassel/Göttingen, im SWK/CoPPP Chemnitz, im IfT Hamburg und am
zap-Wien. Bis 2009 leitete er den Funktionsbereich Psychotherapie und Tagesklinik mit einer Spezialstation zur Behandlung
traumatisierter Frauen im Niedersächsischen LKH Göttingen,
heute Asklepios Fachklinikum Göttingen. Er war bis 2014 Honorarprofessor der Universität Kassel und ist Wissenschaftlicher Berater am Asklepios Fachklinikum Göttingen. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt seit über 30 Jahren bei der Behandlung
und Erforschung von Patientinnen mit Selbstverletzendem Verhalten, Borderline-Persönlichkeitsstörungen und Komplexen
Traumafolgestörungen. Er gehörte zu den Ersten, die die Trauma-Perspektive in Deutschland bekannt gemacht haben. Er ist
Gründungsherausgeber der Zeitschrift „Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie“ (PTT) und Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen.
Kontakt: www.ulrich-sachsse.de; [email protected]

Kirsten Stang ist Oberstaatsanwältin der

Staatsanwaltschaft Braunschweig. Bis 2000
leitete sie dort das Dezernat „Sexuelle
Gewalt“. 2001–2005 war sie Vorsitzende
der Stiftung Opferhilfe für die Region
Braunschweig. Mitglied der Staatsanwalts-,
Ethik- und der Personalberechnungskommission des Deutschen Richterbundes und
Richterin am Niedersächsischen Disziplinargericht. 2006–2007 stellvertretende Anstaltsleiterin der Jugendanstalt Hameln, seit Sommer 2007 Leiterin der Abteilung
mit dem Schwerpunkt „Tötungsdelikte“ in Braunschweig. Seit
März 2014 verheiratet unter dem Namen Kirsten Böök.
Kontakt: [email protected]

Inhalt
1

Bin ich eine Monster-Mutter? . . . . . . . . . . . . . .

1

by Proxy

2

Proxy – einige verstreute Bemerkungen
zu Moral und Ethik, Schuld und Verantwortung . . .

31

Dieter Birnbacher

Der zweifach distanzierte Standpunkt der Ethik . . . . . .

3

31

»Kinder-Ethik« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

38

Begrenzte Freiheit: Entschuldbarkeit? . . . . . . . . . . .

40

Pränatale versus postnatale Schädigung . . . . . . . . . .

46

Grenzen der Schweigepflicht . . . . . . . . . . . . . . . .

50

Proxy – ein Fall von potenzieller (partieller?)
Kindstötung
Eine psychoanalytisch-feministische Perspektive . . . . .

55

Heidi Möller

Weibliche Kriminalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

56

Spezifisch weibliche Delikte . . . . . . . . . . . . . . . .

57

Die Kindstötung in psychoanalytischpsychodynamischer Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . .

58

Die Tötung des Kindes aus gestörter Identifikation . . .

59

Die Tötung des Kindes als Versöhnungsversuch
gegenüber der Mutter . . . . . . . . . . . . . . . . . .

60

Die Tötung des Kindes als Selbsttötung . . . . . . . . .

61

Die Tötung des Kindes als Beziehungsstörung . . . . .

62

Die Tötung des Kindes als weiblicher Widerstand . . .

63

Vom natürlichen zum gesellschaftlich bedingten
Triebschicksal der Aggression der Frau . . . . . . . . . . .

63

Die Bindung an die Mutter . . . . . . . . . . . . . . .

67

Ödipus-Komplex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

4

68

Die Rolle des Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

69

Abschließende Betrachtung. . . . . . . . . . . . . . . . .

72

Wenn Justitia auf Proxy trifft . . . . . . . . . . . . . .

77

Kirsten Stang

Die Strafbarkeit der Männer und der Mutter von Proxy . .

80

Straftaten, die Frau Proxy begangen hat . . . . . . . . . .

86

Versuchte Tötung des Stiefvaters . . . . . . . . . . . .

86

Proxys Taten zum Nachteil der Töchter . . . . . . . . . . .

88

»Vergiftung« mit Medikamenten . . . . . . . . . . . .

88

Die Schwangerschaften . . . . . . . . . . . . . . . . .

94

Familienrechtliche Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . 101

5

Das Münchhausen-by-proxy-Syndrom
als Problemfall der Kinderheilkunde . . . . . . . . . . 105
Tilmann Sachsse

Die Mutter als Schlüssel zur Diagnose . . . . . . . . . . . 107
Die Mutter als fürsorgliche Bezugsperson
und Anwältin ihres Kindes . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
Die fordernde Mutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Der Kinderarzt als Detektiv . . . . . . . . . . . . . . . . .

6

111

Ich will nicht lachen, ich will nicht weinen –
ich will verstehen
Wie denkt ein Psychotherapeut über Frau Proxy? . . . . . 117
Ulrich Sachsse

Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

1 Bin ich eine Monster-Mutter?
by Proxy

Ich darf mich Ihnen vorstellen: Mein Name sei Proxy. Komischer
Name, werden Sie sagen. Stimmt. Ist natürlich nicht mein richtiger
Name. Mit diesem Namen zeige ich mich Ihnen und verberge mich
gleichzeitig. Ich zeige Ihnen, was für ein Problem ich habe und
welche Probleme ich in meiner Vergangenheit meinen Kindern gemacht habe. Denn ich bin eine Mutter mit »Münchhausen-by-proxy-Syndrom« (MBPS), auf Englisch: »Munchausen-by-proxy-Syndrom«. Münchhausen oder Munchausen nach Hieronymus Carl
Friedrich von Münchhausen, dem berühmten »Lügen-Baron«. Alles
komisch, alles verwirrend, alles schwer nachvollziehbar. Wie das
Störungsbild. Das besteht darin, dass ich als Mutter in der Vergangenheit meinem Kind Schaden zugefügt habe. Ich habe meine
Tochter krank gemacht, schwer krank. Vorsätzlich? Geplant? Kriminell? Psycho? Bin ich eine »Monster-Mutter«? Vielleicht, teils-teils,
sowohl als auch. Wir werden sehen.
Gleichzeitig verberge ich mich mit diesem Namen natürlich.
Denn ich möchte meine Geschichte veröffentlichen, um sie bekannt zu machen und damit die Möglichkeit zu eröffnen, dass auch
anderen Müttern und ihren Kindern geholfen wird. Mich persönlich
möchte ich aber verbergen. Ich möchte nicht, dass Nachbarn über
mich tuscheln, mit dem Finger auf mich zeigen, meine Kinder heute noch unter mir und meiner Störung zu leiden haben. Ich bleibe
als Person anonym, inkognito, verborgen. Aber dass ich etwas tue,
mit dem ich mich gleichzeitig zeige und verberge, passt auch irgendwie ganz gut zu mir.
Ach ja: Ich habe einen Ghostwriter, Herrn Sachsse. Dem habe
ich meine Geschichte aufgeschrieben, mit dem habe ich mal therapeutisch gearbeitet, dem habe ich vieles erzählt, und der hat dar-

aus einen hoffentlich gut lesbaren Bericht gemacht. Um Einiges zu
verdeutlichen und anderes zu verschleiern, bin ich sogar ein bisschen aus mehreren Patientinnen zusammengesetzt. Auch das passt
zu mir: Ich bin gleich mehrere Personen und Persönlichkeiten. Aber
keine Sorge: Das hier ist nicht ein weiteres Buch über eine »Multiple Persönlichkeit«.
Ich bin jetzt so etwa 50 Jahre alt. Geboren bin ich in der Deutschen Demokratischen Republik DDR. Bei meiner Geburt war meine
Mutter etwa 20 Jahre alt. In der DDR wurden die Menschen früher
Eltern als in der BRD. Ich habe an meine frühe Kindheit kaum Erinnerungen. Es ist mehr so, dass etwas aus dieser Zeit zu mir in die
Gegenwart herüberweht, ein Gefühl, eine Gestimmtheit, eine Atmosphäre. Ich hatte wohl immer die Empfindung, dass mein Bruder
meiner Mutter näher stand. Ich fühlte mich weniger von meiner
Mutter geliebt. Ich kam in den Kindergarten, meine Eltern ließen
sich in meiner Kindergartenphase scheiden, und ich wurde mit
sechs Jahren altersgerecht eingeschult. Das ist alles nicht sonderlich dramatisch, nicht völlig außergewöhnlich, nicht hochproblematisch. Eine Kindheit wie ich werden sicherlich sehr viele Kinder
durchlebt haben und gegenwärtig durchleben.
Als ich etwa 10 Jahre alt war, stellte unsere Mutter uns Geschwistern mehrere Männer vor. Nein, nicht alle auf einmal; einen
nach dem anderen. Ich vermute, sie hatte sie über Kontaktanzeigen
in der Zeitung kennengelernt. Für meinen Bruder und mich war
klar: »X« war am nettesten. X machte auch was her. Er hatte in der
DDR ein eigenes Auto und sogar ein Boot. X bemühte sich um uns
Kinder. Rückblickend frage ich mich, ob er sich um uns nicht sogar
ein bisschen mehr bemüht hat als um unsere Mutter. Mutter war
froh, dass sie einen Mann fand, der nett zu uns Kindern war, der
von uns akzeptiert und gemocht wurde. Kurze Zeit später war die
Heirat. Und ein halbes Jahr später brach meine Welt zusammen.
Was mir in den nächsten Jahren angetan wurde, ist das Schicksal von 2–4 % der jungen Mädchen und Frauen in Deutschland. Das
sind einige Tausend. Genau hab ich das nie nachgerechnet. Also

könnte ich auch wieder sagen: »Proxy, stell Dich nicht so an! Es
passiert auch anderen, da bist du nicht die Einzige, so etwas gibt es
eben.« Herr Sachsse hat mir erzählt, dass die »Prävalenz-Studien«,
also die Studien darüber, wie oft etwas in einer Gesellschaft, in
einem Staat vorkommt, in der westlichen Welt alle ähnlich sind.
20–25 % der Frauen werden bis zum 16. Lebensjahr mindestens
einmal Opfer einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung.
Das beinhaltet aber auch Straftaten zwischen Jugendlichen: Übergriffe im Schwimmbad, Beobachten beim Ausziehen, drängende
Annäherungen beim Tanzen bis hin zu Geschlechtsverkehr, bei dem
hinterher gestritten wird: War das nun einvernehmlich oder eine
Vergewaltigung? Solche Erfahrungen sind übel, sind mies, sie sind
sehr schädlich, und unsere Gesellschaft sollte alles tun, dass sie so
selten wie möglich vorkommen. Aber sie sind auch weit verbreitet.
Es gibt kaum eine Frau – übrigens auch kaum einen Mann –, die
oder der nicht in der Pubertät oder in der Jugend die eine oder
andere sexuelle Erfahrung gemacht hat, auf die sie oder er gerne
verzichtet hätte. Die Jugend ist eine Zeit, in der Erfahrungen gemacht, gesammelt werden, und einige dieser Erfahrungen bestätigen das Sprichwort: Aus Schaden wird man klug.
2–4 % der Frauen erfahren wiederholte sexualisierte Gewalt in
Kindheit und Jugend im familiären Nahfeld. Das sind ebenfalls
manchmal kurzfristige, verstörende und schädigende Erfahrungen,
die aber durchaus von einigen Kindern bewältigt werden können,
wenn das soziale Umfeld gut und kompetent damit umgeht. Fast
immer schädlich ist wiederholte, langfristige bis langjährige sexualisierte Gewalt mit Überschreitung der Körpergrenzen. Das schädigt fast alle Mädchen. Statistisch betrachtet ist es zusammen mit
schwerer Vernachlässigung und physischer Gewalt, also Prügeln,
die häufigste Schädigung von Kindern in unserer Gesellschaft. Gewalt von Erwachsenen schädigt weit mehr Kinder als der
Fuchs-Bandwurm, irgendein aktueller Mode-Virus oder BSE im
Hackfleisch. Bis vor zehn Jahren hat die Gesellschaft diese Schädigungen heruntergespielt, sich nicht genug darum gekümmert, sie

nicht ernst genommen. Inzwischen ist das anders. Inzwischen gibt
es da sogar einen Sonderbeauftragten des Bundestages, erst eine
Frau, jetzt ein Mann. Auch Männer werden Opfer sexualisierter Gewalt, aber ich bin eine Frau und spreche hier von mir, meinen Überlegungen und Gedankengängen. Ein bisschen was hat Herr Sachsse
ergänzt, aber gar nicht mal so viel.
Die nächsten Seiten sind nicht schön. Und Sie sollten sie auch
nicht lesen, wenn Sie selbst irgendein Problem mit sexualisierter
Gewalt haben. Dann könnten diese Seiten Sie »triggern«, unverarbeitete Erinnerungsbruchstücke wachrufen, die Ihnen dann Probleme machen. Ich will Sie nicht schädigen, ich will Ihnen keine Probleme machen. Aber ich will auch aussprechen, was hinter dem
nüchternen Begriff »sexualisierte Gewalt« ganz konkret für Erfahrungen stehen.
In welcher Sprache soll das erfolgen? Es gibt dafür keine richtige Sprache. Entweder die Sprache ist verschleiernd, beschönigend, undeutlich, unklar. Oder die Sprache ist Porno, obszön, dreckig, abstoßend. Oder sie ist medizinisch, versachlichend, gestelzt,
irgendwie pseudo. Sie ist also immer falsch. Es gibt für solche falschen Erfahrungen einfach keine richtige Sprache.
An den ersten Übergriff habe ich gar keine Erinnerung. Aber in
den folgenden Jahren hat mein Stiefvater X jeden zweiten bis dritten Tag an mir massive gewalttätige sexuelle Übergriffe verübt. Es
gibt wohl nichts, was in Porno-Filmen vorkommt, was er nicht mit
mir praktiziert hätte. Manchmal war sein bester Freund aktiv beteiligt, oder der hat zugesehen und sich dabei befriedigt. Während
X mich vergewaltigte, habe ich ihm manchmal Pornos vorlesen
müssen. Wenn ich nicht laut genug vorgelesen habe, hat er auf
mich eingeschlagen. X war ein pädosexueller Sadist.
Und meine Mutter und mein Bruder haben von alledem nichts
mitbekommen? Mitnichten! Zumindest meine Mutter wusste alles.
Wenn ich meine blutige Wäsche in die Mülltonne warf, hat meine
Mutter sie rausgeholt und mich gezwungen, sie zu waschen. Rückblickend habe ich das Gefühl, dass meine Mutter mich geopfert

hat, mich X zur Verfügung gestellt hat für alles, was er wollte. Oft
hat sie zu mir gesagt, wenn sie gekonnt hätte, wie sie wollte, dann
hätte sie mich sowieso in der Schwangerschaft abgetrieben. Meine
Mutter hat mich gehasst. Ich weiß bis heute nicht, warum. Seitdem
das mit den Vergewaltigungen durch X losging, kann ich mich an
keine Zärtlichkeit meiner Mutter mehr erinnern. Ich hatte das Gefühl: Wenn ich meine Mutter berühren würde, würde ich einen
elektrischen Schlag bekommen. Sie hat mich gehasst, gehasst, gehasst.
Er war ein gebildeter Mensch, mein Herr Stiefvater X: Akademiker, Naturwissenschaftler, in der DDR sehr geachtet. Er war aber
auch Alkoholiker. Der Typ hatte keine Probleme mit Alkohol, nur
ohne. Der konnte nicht mal Auto fahren, ohne etwas getrunken zu
haben.
Ich habe mich oft gefragt, ob er meiner Mutter das Gleiche
angetan hat wie mir. Heute glaube ich, dass er so sadistisch war,
dass er zärtliche, zugewandte, freundliche Sexualität überhaupt
nicht leben oder erleben konnte. Ich denke, sie hat unter ihm auch
gelitten. Trotzdem: Mit meiner Mutter gibt es bis heute keine »Solidarität unter Frauen«.
Obwohl ich als erwachsene, informierte, nachdenkliche Frau
weiß, dass meine Mutter selbst auch eine Gefangene war. Offiziell
gab es Kindesmissbrauch in der DDR gar nicht. An wen hätte sie
sich wenden sollen? Bert Brecht hat in seinem Theaterstück »Der
kaukasische Kreidekreis« eine Szene, in der er sich sehr machohaft-abfällig über die Attraktivität junger Mädchen äußert. Wenn
die vergewaltigt werden, ist das einfach Natur, dann ist das einfach
Biologie. Natürlich ist das nicht Natur, sondern Kultur. Es hat in der
DDR sicher viele Übergriffe auf junge Mädchen gegeben, genauso
viele wie in der BRD, sowohl in der Familie als auch in Jugendgruppen, politischen Parteien und FKK-Vereinen. Eigentlich erstaunlich,
dass sich im offiziellen Bericht der Bundesbeauftragten für Missbrauchsopfer nicht mehr findet über Missbrauch in Gewerkschaften, politischen Vereinen, politischen Jugendorganisationen, durch

die Stasi, im Rahmen von politischen Ost-West-Kontakten. Ist da
wirklich nicht mehr passiert?
Zurück zu mir. Es geht um mich, um meine persönliche Geschichte. Aber diese persönliche Geschichte ist nicht denkbar ohne
ein gesellschaftliches Umfeld. In der Zeit, als ich Opfer meines
Stiefvaters war, erschien in der BRD eine ganze Serie von Filmen
mit dem Titel »Schulmädchen-Report«, Folge 1 bis 150. Da wurde
vermittelt, dass jedes gesunde Mädchen sich nichts intensiver
wünscht, als seinen Sportlehrer zu verführen, den Pastor beim Konfirmandenunterricht rumzubekommen, mit dem Lehrer ein Verhältnis anzufangen oder Mutter den Stiefvater auszuspannen. Es ist
gut, dass diese Filme aus den Fernsehprogrammen verschwunden
sind. Es sind Männerfantasien, dreckige Männerfantasien. Aber sie
verdeutlichen ein Klima. In dieser Zeit hat es in der BRD sogar Versuche gegeben, aus ideologischen Gründen kleine Kinder in die Sexualität der Erwachsenen einzubeziehen. Von dem Versuch hat
man glücklicherweise bald wieder Abstand genommen.
Und in der DDR konnte das mit dem Sex auch ruhig früh losgehen. Bei den jungen Pionieren war Sexualität weder sehr verpönt
noch sonderlich kontrolliert.
Wieso ist Sexualität mit Kindern eigentlich so schädlich? Da
müssen Sie die Fachleute fragen. Mir fällt nur auf, dass es in den
Medien keine breite Gruppe von Betroffenen gibt, die in Talkshows
verkünden: »Zwischen 8 und 14 hatte ich eine heiße sexuelle Affäre mit meinem Vater. An diese Zeit denke ich heute noch richtig
gerne zurück. Sie ist mir seelisch rundum gut bekommen. Ich habe
frühzeitig beste Erfahrungen mit Sexualität gemacht, mein Vater
war ein zärtlicher und leidenschaftlicher Liebhaber. Heute lebe ich
eine glückliche, erfüllte Sexualität in einer stabilen, menschlich befriedigenden Beziehung, habe jeden Tag mehrere Orgasmen, und
ich kann nur den Kopf schütteln, wenn allenthalben verkündigt
wird: Sex mit Kindern ist für die Kinder schädlich. Das ist Quatsch,
ich bin das lebende Gegenbeispiel.« Diese Menschen fehlen mir. Die
kenne ich nicht, und ich glaube nicht, dass nicht wenigstens einige

von ihnen sich in den letzten Jahren zu Wort gemeldet hätten,
»geoutet« hätten, um ihren Standpunkt öffentlich zu vertreten,
wenn es so furchtbar viele davon gäbe. Es gibt sicherlich einige
wenige; einige Schauspielerinnen und Sängerinnen haben gesagt,
dass sie als junge Frauen auch mit ihren Vätern oder Stiefvätern
geschlafen haben und dass das durchaus schön gewesen sei. Aber
so furchtbar viele scheinen davon nicht zu existieren. Und Pola
Kinski hat es nicht gefallen, wahrlich nicht.
Ich persönlich bin in dieser Hinsicht ganz durchschnittlich,
ganz normal, ganz das Übliche: Ich bin geschädigt worden, mir ist
mein Bezug zu meinem Körper zerstört worden, ich habe gelitten
wie Sau; ich habe das nicht genossen, sondern ich fühlte mich
schmutzig, dreckig, erniedrigt, gehasst, verachtet, gedemütigt und
besudelt. Genauso wie fast all die anderen Kinder, jungen Mädchen
und Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Und es
hat mir viehisch wehgetan, körperlich und seelisch.
X hat »danach« oft Geld in mein Zimmer gelegt. Ich hab mir
dann sofort was Neues zum Anziehen gekauft. Wenn ich was Neues anhatte, war ich sauber. Dann war nichts passiert. Ich konnte
aufrecht gehen, war stolz, war selbstbewusst, alles war gut! Ich
musste mich »verkleiden«. Damals begann ich, mich als die Selbstsichere, Stolze, Selbstbewusste zu zeigen, die mit den neuen Kleidern, die nach außen die saubere Familie darstellte. Und dann gab
es da noch die andere im Inneren, die Verborgene, die Geschädigte,
Erniedrigte, Verletzte, Gehasste, Dreckige. Die war eine Zeitbombe,
eine Tretmine, die ruhte im Schlamm wie eine Fliegerbombe aus
dem Zweiten Weltkrieg. Und später ist sie dann hochgegangen,
diese innere Bombe.
Jetzt sehe ich einige Ihrer Gesichter vor mir: Na prima, jetzt hat
sie sich reingewaschen, aller Schuld entledigt; sie ist ja selbst nur
Opfer, konnte gar nichts dafür, was sie später ihren Kindern angetan hat, braucht dafür keine Verantwortung zu übernehmen. Moment, Moment! So einfach mache ich es mir nicht. Bis heute schlage ich mich in Therapien mit der Frage herum: Ja, ich war Opfer, ich

bin Opfer, ich bin Folter-Opfer eines Sadisten. Und was genau entschuldigt das?
Ja, was entschuldigt das? Wie ist das mit meiner eigenen Verantwortung? Wie konnte ich Kindern etwas antun, obwohl ich
selbst als Kind gequält worden bin? Obwohl oder weil? Wissen Sie
eine Antwort?
Übrigens ist meinem Bruder nichts passiert. Ich war das Opfer,
ich wurde von meiner Mutter geopfert. Mein Bruder wurde geschützt. Das Leben ist manchmal krass ungerecht. Aber vielleicht
bin ich ja auch selbst schuld? Schließlich kann man bei der Wahl
seiner Eltern gar nicht vorsichtig genug sein.
Mit 12 Jahren bekam ich meine erste Menstruation – und da
hat er mich für ein paar Tage in Ruhe gelassen. Das führte sofort
dazu, dass ich mich selbst mit Stricknadeln verletzt habe. Leider
hat das nur sehr kurzfristig Wirkung gezeigt. Bald hat ihn das überhaupt nicht mehr interessiert, er hat dann keinerlei Rücksicht mehr
auf meine Blutungen genommen.
Dann habe ich rohe grüne Bohnen gegessen. Aus irgendeinem
Grund glaubte ich, die seien giftig, ich würde dann ganz krank werden, und meine Mutter würde mir dann helfen. Auch das hat nicht
geklappt. Ich bin zwar etwas krank geworden, aber meine Mutter
hat mir trotzdem nicht geholfen.
Wenn ich kein Geld zum »Verkleiden« hatte, wenn ich mir nichts
Neues, nichts Sauberes kaufen konnte, dann habe ich alles gegessen, was ich bekommen konnte. Ich hatte ständig das Gefühl zu
verhungern. Meine Eltern riegelten schließlich die Küche ab. Dann
habe ich auch aus Mülltonnen gegessen.
Mit 13 bin ich dann auf die Straße gerannt, direkt vor ein Auto.
Ich bin angefahren worden, hatte keine gefährlichen Verletzungen.
Das hat wieder nichts geholfen.
Ich hatte keine Freunde, ich hatte keine Vertrauenspersonen,
ich konnte mich niemandem anvertrauen, und im Rückblick weiß
ich: Die gesellschaftliche Situation war nicht so, dass ich von amtlicher Seite, von öffentlichen Institutionen Hilfe und Unterstüt-

zung bekommen hätte. Noch heute hätte ich es wahrscheinlich
schwer, Hilfe zu bekommen, weil mein Stiefvater so angesehen
war. Es hat ja in der letzten Zeit eine Reihe von Prozessen gegeben,
in denen Väter verurteilt wurden. Aber das waren fast nur Väter,
Stiefväter und Liebhaber der Mutter aus der »Unterschicht«.
Manchmal wird ein Lehrer oder Sozialpädagoge verurteilt, der sich
an Kindern vergangen hat; inzwischen wird auch ein Priester oder
Pastor verurteilt. Aber ein Bürgermeister, ein Richter, ein Journalist? Also dass der so was macht, das kann doch gar nicht sein!
Dabei belegen alle seriösen Studien, dass Kindesmissbrauch nicht
schichtspezifisch ist. Das kommt in den besten Familien vor. Und in
der DDR gehörten wir durchaus zu den etwas besseren Familien.
Kurz nach meinem Verkehrsunfall haben meine Eltern einen
kleinen Jungen aus einem Heim adoptiert. Mein Stiefvater, der sadistische Super-Macho, war nämlich nicht zeugungsfähig. Er wollte mit meiner Mutter ein gemeinsames Kind, nicht nur die zwei
Kinder aus der ersten Ehe meiner Mutter. Anfangs war das Jugendamt deshalb oft bei uns im Haus. Die Mitarbeiter vom Jugendamt sagten mir dann, wie toll ich es doch in meiner Familie
hätte. So ein schönes Haus! Und ein großes Auto, nicht nur einen
Trabi! Und dann noch ein Boot! Wir seien ja wohl die absolute
Vorzeige-Familie, und jetzt hätten wir auch noch jemanden adoptiert. – Unsere Familie war eine absolute Vorzeige-Familie.
Mein armer kleiner Halbbruder hätte es sicher im Heim besser
gehabt. Er wurde ständig verprügelt. Unzählige Kochlöffel wurden
auf seinem Rücken zerbrochen. Mit 18 Jahren hat er meine Eltern
verlassen, und ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört. Was
ist aus ihm geworden? Ein Drogensüchtiger? Ein kalter Erfolgsmensch? Ein freundlicher, liebevoller Familienvater? Lebt er noch,
oder hat er sich inzwischen umgebracht?
Als ich 14 war, war auf einen Schlag Schluss mit den Vergewaltigungen. Mein Stiefvater bastelte an irgendetwas in der Garage. Er
lächelte mich an: »Ich hab gleich Zeit für dich, du kannst es doch
kaum erwarten.« Ich bin innerlich explodiert. Hab mir eine spitze

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