Bei schlechten Noten helfen gute Eltern Wie Sie Ihre Kinder klug f rdern und richtig coachen

by Christoph Eichhorn

Author Christoph Eichhorn Isbn 9783608946031 File size 8MB Year 2012 Pages 185 Language German File format PDF Category Family and Friendship Nur wenige Sch ler haben gar keine Probleme mit Noten und Hausaufgaben Neueste Studien belegen dass die Eltern f r den Lern und Schulerfolg viel wichtiger sind als Lehrer oder die besonderen Umst nde an einer Schule Eltern pr gen entscheidend Motivation und Lernverhalten ihrer Kinder Der Schul und Erziehungsberater Christoph Eichhorn leitet Eltern

Publisher :

Author : Christoph Eichhorn

ISBN : 9783608946031

Year : 2012

Language: German

File Size : 8MB

Category : Family and Friendship

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Klett-Cotta
© 2011/2011 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten
Cover: Rothfos & Gabler
Printausgabe: ISBN 978-3-608-94603-1
E-Book: ISBN 978-3-608-10247-5

Einleitung

Schneiders winkten resigniert ab: »Auf die schulische Entwicklung von Julian haben wir
doch keinen Einfluss. Das hängt doch alles vom Lehrer ab.« Meinten sie.
In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt.
Im Oktober 2009 präsentierte Martin Neuenschwander die Ergebnisse seiner Aufsehen
erregenden Langzeitstudie. Der Einfluss der Eltern auf die Schulleistungen ihres Kindes ist
enorm:
• Die Leistungen der Kinder in Deutsch und Mathematik werden zu 30 bis 50 Prozent
durch die Erwartungen und Verhaltensweisen der Eltern bestimmt
• Die Art, wie Lehrpersonen unterrichten, erklärt hingegen gerade einmal 5 bis
15 Prozent der Schülerleistungen
• Die Erwartungen der Eltern beeinflussen auch die Notengebung. Bei gleicher Leistung
geben die Lehrkräfte einem Kind von Eltern mit hohen Bildungserwartungen die besseren Noten
• Die Erwartungen der Eltern tragen sogar wesentlich dazu bei, ob ein Schüler eine Lehre
macht oder das Gymnasium besucht.
Martin Textor arbeitet am Staatsinstitut für Früherziehung in München und ist einer der
anerkanntesten deutschsprachigen Bildungsexperten. Er fasst die Studien über den elterlichen
Einfluss auf die Schulleistung wie folgt zusammen: »Alle diese Untersuchungen verdeutlichen
die große Bedeutung der Familie für das Kind. Offensichtlich ist, dass in der Familie extrem viel
gelernt wird, vor allem (…) Lernmotivation, Neugier, Leistungsbereitschaft, Interessen, Werte,
Selbstkontrolle, Selbstbewusstsein, soziale Fertigkeiten.« (2009) Und die Bildungsforschung
konnte klar belegen, dass genau diese Faktoren ausschlaggebend für den Lernerfolg sind.
Vielleicht zweifeln Sie immer noch daran, dass Sie als Eltern einen so großen Einfluss auf
die schulische Entwicklung Ihres Kindes haben sollen? Dann ist das kein Wunder. Denn all diese
Studien wurden in der Laienpresse nie so aufgegriffen, wie sie das eigentlich verdient hätten.
Aber natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Belege für den großen elterlichen Einfluss
auf die Schulleistung der Kinder. Und zwar bereits aus dem Jahr 1966! Damals erschien der in
der Fachpresse enormes Aufsehen erregende Coleman-Report. Die Studie stützt sich auf ein
schier unglaublich breites Datenmaterial. Es wurden über 600000 (in Worten
sechshunderttausend) amerikanische Schüler der Primar- und Sekundarstufe untersucht. Die
Autorengruppe um James Coleman kam zu dem Ergebnis, dass Schulen nur einen geringen oder
gar sehr geringen Einfluss auf den Schulerfolg von Schülern haben.
Und das Fazit der größten Langzeitstudie der USA (NICHD Studie I und II – US National
Institute of Child Health and Development, 2003) zur Bedeutung frühkindlicher Betreuung für
die Entwicklung des Kindes lautet: Die Qualität des familiären Umfeldes beeinflusst die
Entwicklung des Kindes am stärksten. Und zwar in der sozialen und schulischen Entwicklung

wie Lesen, Mathematik, soziale Kompetenz, Konfliktverhalten, sozialemotionale Entwicklung
und Arbeitshaltung.

Als Eltern haben Sie einen fundamentalen Einfluss auf den Lernerfolg und die
Schulleistung Ihres Kindes.
Dieses Buch zeigt Ihnen,
• wie Sie mit Ihrer Haltung das Lernen Ihres Kind positiv beeinflussen
• wie Sie bereits im Vorfeld des Lernens die Weichen für einen guten Lernerfolg stellen
• wie Sie Ihr Kind in schwierigen Lernsituationen am besten coachen
• warum eine gute Lern- und Arbeitshaltung so wichtig ist und wie Sie diese fördern
• wie Sie Ihrem Kind bei schlechten Noten Halt geben
• wie Sie die wichtigsten Faktoren für erfolgreiches Lernen nachhaltig verstärken
• und wie Sie vermeiden, dass aus Schulproblemen Familienprobleme werden.
Zu diesen Themen finden Sie zahlreiche Vorschläge und Anregungen. Diese können und
sollen Sie gar nicht alle sofort umsetzen. Wählen Sie einfach diejenigen aus, die zu Ihnen und
Ihrem Kind am besten passen. Sie werden positiv überrascht sein, wie komplex, aber auch wie
spannend anscheinend so trockene Themen wie Hausaufgaben und Lernen in Zukunft für Sie sein
werden.
Natürlich kann dieses Buch nicht alles. Es kann nicht aus jedem Kind einen
Musterschüler machen, der überwiegend gute Noten schreibt, gerne lernt, die Schule interessant
findet und begeistert von seinen Lehrern ist. Lern-, Hausaufgaben-, Noten- und Schulprobleme
können hartnäckig sein. Das ist nicht Ihre Schuld. Diese Probleme sind auch nicht durch schnelle
Tricks einfach zu lösen.
Die Anregungen dieses Buches haben aber den meisten Eltern dabei geholfen, ihr Kind in
der Schule besser zu unterstützen.
Es ist mir ein Anliegen, all denen zu danken, die durch ihre Fragen und Anregungen zu
diesem Buch beigetragen haben, besonders Frau Diplom-Psychologin Ines Böhler für ihre
wertvolle Hilfe und Herrn Alfred Vanselow, der als Korrektor die Entstehung des Manuskripts
sorgfältig begleitet hat.

Kapitel 1

Warum lernen und Hausaufgaben machen, wenn die Schule Schwachsinn ist?

Als ich den Jugendfreund, der wusste, dass ich als Schulpsychologe arbeite, nach vielen
Jahren zufällig einmal wieder treffe, platzt der sofort heraus: »Die Schule wird immer schlimmer.
Was die Lehrer heute für Aufgaben geben – der reinste Schwachsinn.« Sein elfjähriger Sohn,
offensichtlich das unschuldige Opfer schulischen »Schwachsinns«, steht daneben. Weil ich nicht
will, dass der Junge weitere negative Aussagen seines Vaters über die Schule und seine Lehrer
anhören muss, frage ich meinen Bekannten: »Und wie sieht das deine Frau?« In der Hoffnung,
dass diese vielleicht die Dinge in anderem Licht sehen könnte. Die Antwort kommt prompt:
»Natürlich gleich wie ich!« Da bin ich erst mal sprachlos. Das nutzt mein Bekannter, um mir
sofort im Detail zu erklären, wie seine Ansicht zustande gekommen ist. Die ganze Zeit steht sein
Sohn neben uns. Auch wenn er nicht aufmerksam zuzuhören scheint: Die Botschaft seines Vaters
bekommt er genau mit.
Stellen Sie sich vor, Sie besuchen einen Buchhaltungskurs, der Sie in Ihrem Beruf
weiterbringen soll. Da die Kurse abends stattfinden und Sie in Teilzeit berufstätig sind, waren Sie
schon ein paarmal knapp davor, aufzugeben. Eines Abends schaut sich Ihr Partner, der selbst auf
diesem Gebiet arbeitet, Ihre Unterlagen durch und erklärt: »Das ist doch völlig unwichtig, was du
da lernst. Was haben die für einen idiotischen Lehrplan?« Würde Sie das motivieren, weiter
durchzuhalten?
Szenen wie die mit meinem Bekannten spielen sich in Deutschland hunderttausend Mal
pro Tag ab. Mütter und Väter sprechen mit ihren Partnern oder mit anderen Müttern und Vätern
über die aus ihrer Sicht unmöglichen Verhältnisse in der Schule, die Unfähigkeit der Lehrer, den
»Schwachsinn« mit den Hausaufgaben. Die Kinder sitzen dabei und hören zu.
Kinder haben feinste Antennen für Ihre Stimmungen und Haltungen. Unbewusst saugen
sie Ihre Einstellung auf und machen sie zu ihrer eigenen. Eine negative Haltung gegenüber
Schule, Lernen und Lehrer entsteht.
Das Ergebnis: Ungewollt schwächen täglich Tausende von Eltern mit unüberlegten
Aussagen die Lern- und Arbeitshaltung ihrer Kinder.

Sie sind Vorbild für Ihr Kind. Ihre Haltung zu Schule und Lernen strahlt auf Ihr
Kind aus.
Soll das bedeuten, dass man als Eltern keine Kritik mehr an der Schule äußern darf?
Natürlich nicht. Aber nicht vor dem Kind. Und vor allem nicht in einer Form, die Lernen und
Schule abwertet. Selbst wenn Sie manchmal an Schule, Hausaufgaben oder Lernen verzweifeln
möchten, stimmen Sie nicht in die Klagen Ihres Kindes ein. Zeigen Sie ihm hingegen, wie es die
anstehenden Herausforderungen erfolgreich überwindet. Wie Sie dabei vorgehen, erfahren Sie in
diesem Buch.

1 Ist Ihr Kind stolz darauf, dass es in die Schule darf?

Von einem Schulhaus kann bei diesem Gebäude nicht die Rede sein. Es ist eine alte
Lehmhütte, in der sich lediglich Stühle, Tisch und eine Tafel befinden. Einfacher als einfach. Es
gibt nur zwei Klassen. Für die älteren Schüler die obere und für die jüngeren die untere. Ein
Lehrer unterrichtet alle Schüler. Damit hat es sich. Keine weitere Infrastruktur. Keine Computer,
keine Turnhalle, kein Schulhof, nur wenige Schulbücher. Aber das Wunderbare daran ist: Die
Schüler dieser Schule sind stolz darauf, überhaupt in die Schule gehen zu dürfen. Wer sie beim
Lernen beobachtet, dem fällt gleich auf: Diese Schüler sind voll bei der Sache.
Diese Schule steht in Afrika, irgendwo in einem kleinen Dorf. Die Schüler haben Glück.
Sie haben eine Schule und einen Lehrer. Das weiß das ganze Dorf zu schätzen. Eltern, Onkel,
Tanten, Cousinen und alle anderen. Und deren Haltung strahlt aus. Und zwar auf ihre Kinder.
Deshalb sind diese stolz, dass sie in die Schule dürfen. Und strengen sich dort richtig an.
Im Nachbardorf steht gar keine Schule. Die Kinder würden gerne in die Schule gehen –
können aber nicht.
Und bei uns im deutschsprachigen Raum? Da ist die Situation leider oft genau umgekehrt.
Alle Kinder dürfen die Schule besuchen – aber die wenigsten sind stolz darauf und verbinden
damit Positives. Und Presse, Politiker und andere Meinungsmacher hören nicht auf, von unserer
Schule ein schlechtes Bild zu zeichnen. Nicht einmal der damalige Bundeskanzler Gerhard
Schröder war sich zu schade dafür, in populistischer Manier diese Klaviatur zu bedienen und
schalt Lehrer öffentlich als »faule Säcke«. Damit hat er niemandem geholfen. Aber vielen
geschadet. Vor allem den Eltern, die dieses Vorurteil übernommen haben. Und an ihre Kinder
weitergeben. Und das schadet ihrer Lernentwicklung. Und zwar massiv.

Machen Sie Schule und Lernen für Ihr Kind zu etwas Wichtigem und
Wertvollem.
Damit speisen Sie Energie in seinen Lernprozess ein. Und erleichtern ihm das Lernen.
Und bei Schwierigkeiten durchzuhalten.
Manchmal gehen auch Prominente mit gutem Beispiel voran. Wie die Schauspielerin
Ursula Karven. Sie sagte vor kurzem über den Lehrerberuf: »Sich täglich vor Teenager zu stellen,
die alles andere im Kopf haben, nur nicht den Lernstoff, das ist eine ehrenvolle und
bewundernswerte Aufgabe.«
Aber auch Erstklässler unterrichten ist sehr anspruchsvoll. Wenn zum Beispiel in einer
Klasse 27 Schüler sind, von denen vier beim Rechnen besondere Hilfe brauchen, zwei besonders
begabt sind, neun nur über unzureichende Deutschkenntnisse verfügen und sieben gerade mal
fünf Minuten ruhig sitzen können.
Wir brauchen mehr solcher Menschen wie Ursula Karven. Wie wäre es, wenn auch Sie

zum Botschafter für Schule und Lernen würden?

Stecken Sie Ihr Kind an – mit einer positiven Haltung zu Lernen und Schule.
Dann lernt Ihr Kind in der Schule aufmerksamer und zu Hause engagierter.
2 Wie Sie eine positive Bindung an Schule und Lernen fördern
• Interessieren Sie sich für das, was Ihr Kind in der Schule lernt. Fragen Sie nach. Sagen
Sie: »Interessant, kannst du mehr darüber sagen?«
• Greifen Sie Fragen Ihres Kindes zum Lernstoff oder aus der Schule auf. Vertiefen Sie
mit ihm gemeinsam die aufgeworfenen Fragen, indem Sie zum Beispiel im Schulbuch
nachschauen, sich im Internet oder anhand anderer Quellen orientieren.
• Betonen Sie die positiven Seiten an den Themen, die die Kinder aus der Schule
mitbringen: Statt: »Was die Römer gemacht haben, interessiert doch heute kein Mensch mehr«:
»Interessant, was die Römer schon alles gemacht und gewusst haben. Erzähl mehr davon. Was
weißt du noch alles?« Schlagen Sie vor, am nächsten Wochenende eine Römersiedlung zu
besuchen oder gehen Sie mit Ihrem Kind in die Stadtbücherei, um ein Buch über Römer
auszuleihen. Oder recherchieren Sie gemeinsam im Internet. Oder schauen Sie sich einen Film
über die Geschichte der Römer an und sprechen anschließend darüber. Wenn Sie dazu einige
Freunde Ihres Kindes und vielleicht sogar noch deren Eltern einladen, verbringen Sie alle einen
anregenden und interessanten Abend. Und wenn Sie dann, wenn alle gegangen sind, zu Ihrem
Kind sagen: »Toll, dass dein Lehrer so interessante Themen behandelt«, machen Sie Ihr Kind
stolz auf die Schule.

Drücken Sie Interesse und Wertschätzung gegenüber den in der Schule
behandelten Themen und Inhalten aus. Damit werten Sie Lernen, Schule und Hausaufgaben für
Ihr Kind auf.
Das müssen Sie nicht täglich tun. Aber es sollte eine gute Gewohnheit von Ihnen werden.
3 Auf Stärken bauen – Selbstvertrauen fördern
Die Note war schlecht – Leon war enttäuscht. Schulische Misserfolge sind für viele
Kinder keine Seltenheit. Umso wichtiger ist, dass sie erleben, wo sie stark sind und was sie
können.
Denn das stärkt ihr Selbstwertgefühl und fördert ihre Persönlichkeitsentwicklung.
Im Vergleich zum Lehrer ist Ihr Einfluss als Eltern gerade auf diesem Gebiet besonders

hoch. Studien zeigen, wie wichtig es ist, dass Eltern in die Fähigkeiten ihrer Kinder Vertrauen
haben. Je zuversichtlicher Eltern sind, dass ihre Kinder die Herausforderungen des Alltags
meistern, desto mehr fördern sie damit die Entwicklung ihrer Kinder.
Achten Sie darauf, was Ihr Kind gerne macht und was es gut kann. Sprechen Sie mit
Ihrem Kind darüber. Fertigen Sie gemeinsam eine Liste an, die Sie zum Beispiel an die
Küchentür heften. Geben Sie Ihrem Kind ausreichend Gelegenheit und Zeit, sich diesen Dingen
neben der Schule zu widmen.

Denk an deine Stärken – das gilt für uns alle.
Sprechen Sie einmal pro Woche, beispielsweise gegen Ende des Abendessens,
gemeinsam darüber, was jeder von Ihnen heute oder in den letzten Tagen gut gemacht hat oder
was ihm gut gelungen ist. Versuchen Sie herauszuarbeiten, was ausschlaggebend für das positive
Ergebnis war.
Als Leons Familie diese Übung am Donnerstagabend durchführt, sagt er: »Ich hab im
Fußballtraining heute ein Tor geschossen.« Auf die Frage seiner Mutter: »Prima, und wie hast du
das geschafft?« fällt Leon nicht viel ein, außer: »Ich hab geschossen und der Ball war drin.« Das
ist eine für Kinder typische Antwort. Sie lässt den Schluss zu, dass es sich um einen Zufallstreffer
gehandelt haben könnte. Zufällig war Leon am richtigen Ort, zufällig hat er den Ball richtig
getroffen, zufällig ging er rein. Mag sein, dass der Zufall eine Rolle gespielt hat. Diese Meinung
stärkt aber nicht Leons Überzeugung, sich für diesen Erfolg engagiert und etwas beigetragen zu
haben.
Manchmal, und gerade bei Kindern mit geringem Selbstvertrauen, müssen wir Eltern
versuchen, sie von ihren Fähigkeiten und von ihrem Engagement zu überzeugen. Wie könnte das
bei Leon aussehen? Immerhin ging er zuvor regelmäßig ins Training. Immerhin hat er sich dort
angestrengt. Immerhin hat er dort trainiert, wie man schießt. Immerhin hat er dort trainiert, wie
man im Spiel mitdenkt. Immerhin hat er versucht zu lernen, das ganze Spiel im Blick zu haben.
Immerhin ist er dann in diesem Spiel an den richtigen Ort gelaufen, dort wo der Ball hinkam.
Immerhin hat er auch bemerkt, dass der Ball zu ihm kam, weil er nicht gerade woanders
hingeschaut hat. Immerhin hat er sich dann in die für einen guten Schuss notwendige Position
gebracht. Immerhin hat er erkannt, dass sich ein Schuss aufs Tor jetzt lohnt, und hat den Ball
nicht woandershin, beispielsweise zu einem Mitspieler abgegeben.
War es nun Zufall, oder war es eigenes Dazutun, dass der Ball schließlich im Tor gelandet
ist? Diese Frage ist gar nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass Leon erkennt: »Ich kann die
Dinge zwar nicht vollständig steuern, aber zumindest positiv beeinflussen. Wenn ich mich darum
bemühe.« Und genau das fördert sein Kompetenzerleben.
Wenn ein Schüler eine gute Note schreibt, diese aber auf Zufall oder Glück zurückführt,
so fördert dies nicht sein Kompetenzerleben. Wenn er hingegen angeben kann, je genauer umso
besser, welchen Beitrag er dazu geleistet hat, dann stärkt das seine Überzeugung, wichtige Dinge
seines Lebens beeinflussen zu können. Dann kann er das Resultat, bei entsprechender
Anstrengungsbereitschaft, auch wiederholen. Und gerade dieses Gefühl, »Ich kann selbst etwas

dafür tun« fördert seine Motivation, sich ein weiteres Mal anzustrengen.

Fördern Sie das Kompetenzerleben Ihres Kindes. Vor allem dort, wo es stark ist.

Kapitel 2

Kein Schüler schreibt absichtlich schlechte Noten

1 Kein Schüler schreibt absichtlich schlechte Noten

Nach außen wollte sich der 14-jährige Alexander natürlich nichts anmerken lassen. Aber
innerlich tat ihm die schlechte Note weh. Sehr weh sogar. So sehr hatte er sich angestrengt,
wieder war das Ergebnis schlecht. Zu Hause wollte er gar nicht drüber reden. Aus Enttäuschung
über sich selbst, aus Angst vor Ärger mit seinen Eltern und auch, weil er seine Eltern nicht
enttäuschen wollte. Diese Mischung negativer Gefühle hätte er aber nie vor jemandem
zugegeben – nicht einmal ihm selbst waren seine Gefühle wirklich bewusst.
Hatten Sie in der Schule auch manchmal schlechte Noten? Wenn ja, dann nutzen Sie doch
bitte diese Erfahrung, um sich jetzt in Ihr Kind hineinzuversetzen. Versuchen Sie sich einfach
daran zu erinnern, wie das bei Ihnen war. An den Moment, als Ihnen der Lehrer mitteilte, die
Note sei schlecht. An Ihre Gefühle in diesem Augenblick.
Wenn ich auf das Ergebnis einer Prüfung wartete, so war ich jedes Mal innerlich
angespannt. Ich hoffte inständig, dass die Note diesmal gut sein würde. Fast betete ich dafür, dass
sie diesmal gut sein möge. Gleichzeitig hatte ich Angst davor, dass sie doch wieder schlecht sein
würde. Als der Lehrer die Prüfungshefte austeilte, blätterte ich jedes Mal aufgeregt und schnell
auf die Seite, auf der die Note zu finden war. Sie war wieder schlecht. Jede schlechte Note löste
immer einen kleinen Schock aus. Immer auch die Angst, im Vergleich zu den anderen etwas
dümmer zu sein. Dabei war ich als über Jahre hinweg schlechter Schüler, der einmal eine Klasse
repetierte, schlechte Noten gewohnt.
Hin und wieder war es während meiner Schulzeit noch üblich, dass der Lehrer die Noten
laut vor der ganzen Klasse vorlas. In dem Moment, als der Lehrer mit dem Vorlesen der Noten
begann, war in der Klasse kein Ton zu hören. Es gab keinen einzigen Schüler, der nicht innerlich
angespannt und hoch konzentriert diese Prozedur verfolgte. Das zeigt, wie wichtig Schülern ihre
Noten sind. Selbst wenn manche so tun, als seien sie ihnen völlig egal. Das ist ein
Schutzmechanismus, der einzig und allein dazu dient, die Enttäuschung über die schlechte Note
zu reduzieren.

So gut wie allen Schülern sind ihre Noten wichtig, selbst dann, wenn sie nach
außen hin so tun, als seien sie ihnen völlig egal.
Stellen Sie sich bitte vor, Sie suchen dringend eine neue Arbeit. Nach Monaten des
Wartens erhalten Sie eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Natürlich bereiten Sie sich
darauf vor. Natürlich ist es Ihnen nicht egal, ob Sie einen guten oder schlechten Eindruck
hinterlassen. Sie gehen hin. Erhalten nach einer Woche ein Schreiben des Unternehmens. Mit
welchen Gefühlen öffnen Sie diesen Brief?

So wie kein Schüler absichtlich schlechte Noten schreibt, so wenig möchten wir bei
einem Vorstellungsgespräch absichtlich einen schlechten Eindruck hinterlassen. Trotzdem kann
es sein, dass wir trotz aller Vorbereitung nicht die Leistung zeigen, die wir von uns selbst
erwarten. Natürlich sind wir dann innerlich zumindest ein klein wenig enttäuscht. Und je
nachdem, wie wichtig uns die Bewerbung war, können wir sogar sehr enttäuscht sein oder sogar
richtiggehend deprimiert sein, wenn wir eine Absage erhalten. So oder ähnlich erleben Schüler
schlechte Noten.
Stellen Sie sich bitte noch einmal vor, Sie haben eine Absage auf die Bewerbung erhalten,
an die Sie so viele Hoffnungen geknüpft hatten. Wie möchten Sie, dass diejenigen Personen, die
Ihnen wirklich nahestehen, reagieren, wenn Sie ihnen davon berichten? Mit Vorwürfen, wie »Ich
hab dir ja gesagt, dass du dich zu wenig vorbereitet hast – das konnte ja nicht gut gehen«? Oder
mit Verständnis? Vielleicht sogar mit Zuneigung? Dass sie Ihnen versichern, dass sie trotz allem
weiter hinter Ihnen stehen? Dass sie Sie spüren lassen, dass Sie ihnen weiter als Mensch wertvoll
sind?
2 Schlechte Noten lassen nicht einmal die Eltern cool bleiben
Eine schlechte Note löst nicht nur beim betroffenen Schüler Emotionen aus – nein, meist
auch bei seinen Eltern. Auch Eltern können enttäuscht, verärgert oder frustriert sein. Auch Sie als
Eltern hatten vielleicht genau den gleichen Wunsch, genau die gleiche Hoffnung wie Ihr Kind:
Nämlich, dass die Note diesmal gut sein möge.
Dann wieder die Enttäuschung. Da ist es doch ganz normal, dass Eltern mitfühlen. Es ist
sogar ein Zeichen Ihres Mitschwingens mit Ihrem Kind. Es wäre doch sehr eigenartig, wenn eine
schlechte Note Ihres Kindes Sie ganz und gar kalt, unberührt und gleichgültig ließe.
Die wichtigsten Gefühle in diesem Zusammenhang sind:
• Ärger und Wut auf das Kind, die vor allem dann entstehen, wenn Eltern der Ansicht
sind, ihr Kind hätte zu wenig gelernt
• Frustration und Resignation, die vor allem dann entstehen, wenn das Kind viel gelernt
hat und trotzdem wieder eine schlechte Note hat.
Weil uns derartige Gefühle nicht unberührt lassen und unser weiteres Handeln meist
ungünstig beeinflussen, ist es sinnvoll, dass Sie, bevor Sie mit Ihrem Kind über eine schlechte
Note sprechen, Ihre eigenen Gefühle registrieren. Also überlegen, wie es Ihnen geht. Sind Sie
enttäuscht von Ihrem Kind? Hatten Sie nicht so viel zusammen geübt? Oder hatten Sie Ihr Kind
nicht dutzende Male, wie sich jetzt wieder herausstellt, auch zu Recht ermahnt, mehr zu lernen?
Und sind Sie jetzt vielleicht verärgert, weil Ihr Kind all Ihr gutes Zureden wieder in den Wind
geschlagen hat?
Alles verständliche und ganz normale Reaktionen.
Sie behindern aber das Gespräch mit Ihrem Kind. Warum?

Innerlich angespannt, können wir uns schlecht in den anderen hineinversetzen, schlecht
zuhören, schlecht nachvollziehen, was im anderen vor sich geht – weil wir noch mit unseren
eigenen Gefühlen so beschäftigt sind.
Wenn das bei Ihnen manchmal der Fall ist, könnten Sie zu Ihrem Kind sagen: »Ich bin
jetzt selbst innerlich so aufgewühlt, dass ich jetzt gar nicht richtig mit dir über die Note reden
kann. Lass uns das auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.«
Damit sind Sie sogar ein beispielhaftes Modell für Ihr Kind, wie man mit belastenden
Emotionen konstruktiv umgeht. Fachleute sprechen von wirkungsvollem Emotionsmanagement.
Und indem Sie so sprechen, sind Sie sogar bereits dabei, ihre eigenen Emotionen zu regulieren,
also ein klein wenig abzubauen.
Wenn Ihr Kind eine schlechte Note nach Hause bringt, müssen Sie gar nicht sofort
reagieren, wie viele leider meinen. Meist ist es besser, eine Nacht darüber zu schlafen. Vor allem,
wenn man innerlich aufgewühlt ist.
Schlechte Noten verleiten Sie dazu, emotional zu reagieren. Das ist in dieser Situation
aber genau das Falsche. Es gefährdet Ihre Beziehung zu Ihrem Kind. Sie können Ihr Kind dann
beim Lernen nicht mehr so gut unterstützen. Und es führt sogar dazu, dass Ihr Kind vor lauter
Angst, Enttäuschung und Ärger schlechter lernt.

Schlechte Noten lösen sogar bei den Eltern negative Emotionen aus. Diese
behindern das Gespräch mit dem Kind. Eltern müssen deshalb erst ihre Gefühle regulieren – und
dann mit ihrem Kind sprechen.
Das ist Schwerstarbeit. Nicht umsonst ist Elternsein so anspruchsvoll.
Wie Sie Ihre Balance wiederfinden:
• Sie schreiben einfach auf, wie es Ihnen geht.
• Sie machen sich klar, was Ihr Kind jetzt von Ihnen braucht, nämlich emotionalen
Support.
• Sie machen sich klar, dass kein Kind absichtlich schlechte Noten schreibt.
• Sie schlafen eine Nacht darüber.
• Sie sprechen mit einer Vertrauensperson darüber.
• Sie machen einen Spaziergang oder Sie gehen ins Fitness-Studio, um sich abzulenken.
Natürlich gibt es noch unendlich viele andere Dinge, die Sie tun können. Machen Sie das,
was Ihnen am besten hilft.

3 Wie Sie Ihrem Kind über schlechte Noten hinweghelfen

Kinder reagieren unterschiedlich auf schlechte Noten. Manche sind mehr enttäuscht als
andere. Manche wenden ihre Enttäuschung nach innen – andere richten ihren Ärger nach außen
und gegen andere, wie zum Beispiel Geschwister. Manche brauchen mehr Verständnis, andere
weniger.
Nachfolgend finden Sie einen Vorschlag, wie Sie Ihrem Kind über schlechte Noten
hinweghelfen können. Er ist absichtlich sehr detailliert dargestellt und dient Ihnen zur
Orientierung. Natürlich können Sie ihn auf die jeweilige Situation Ihres Kindes anpassen.
Das Gespräch mit dem Kind besteht aus folgenden Phasen:
1. Vorbereitungsphase
2. Zuhör- und Verständnisphase
3. Wiederaufbau- und Bewältigungsphase
Das klingt alles etwas kompliziert – ist aber ganz einfach. Und vor allem ist dieses
Vorgehen sehr hilfreich.
4 Die Vorbereitungsphase: So bereiten Sie sich auf das Gespräch vor

Die Vorbereitungsphase ist für Sie vorgesehen. Sie unterstützt Sie dabei, sich innerlich
auf das Gespräch mit Ihrem Kind einzustimmen.
So könnten Sie vorgehen:
• Stimmen Sie sich innerlich auf das Gespräch ein. Entspannen Sie sich und kommen Sie
innerlich zur Ruhe.
• Stellen Sie sich vor, wie sich Ihr Kind fühlen könnte.
• Erinnern Sie sich daran, welches Ziel Sie für dieses Gespräch haben. Sie möchten Ihr
Kind unterstützen, ihm über die Enttäuschung, die die schlechte Note ausgelöst hat,
hinweghelfen. Stellen Sie sich vor, wie Sie Ihrem Kind zuhören und dabei ruhig und entspannt
bleiben. Wenn das beim ersten Mal nicht gleich klappt, ist das überhaupt kein Problem.
Versuchen Sie es dann das nächste Mal wieder. Mit der Zeit wird Ihnen dies immer besser
gelingen.
Natürlich müssen Sie sich mit zunehmender Erfahrung nicht immer an diese Schritte
halten. Sie helfen Ihnen aber am Anfang dabei, verständnisvoll zu reagieren.
5 Die Zuhör- und Verständnisphase

Diese Phase dauert in der Regel zwischen zwei und fünf Minuten. Sie ist die zentrale
Phase des Gesprächs. Vor allem, wenn Ihr Kind nach einer schlechten Note innerlich sehr
angespannt, enttäuscht oder wütend ist. Denn dann ist es besonders sinnvoll, wenn Sie Ihr Kind
dabei begleiten, da es sich selbst noch nicht so gut steuern kann. Ihr Kind braucht jetzt erst
wieder Boden unter den Füßen. Es muss versuchen, seine starken Gefühle zu überwinden, sich
von ihnen zu lösen und zu distanzieren.
Indem Sie zuhören und Verständnis zeigen, helfen Sie Ihrem Kind dabei. Sie brauchen in
diesem Teil des Gesprächs gar nicht viel zu reden. Es ist sogar meist hilfreicher, wenn die Eltern
nur sehr wenig reden. Vielleicht einen oder zwei Sätze. Und stattdessen einfach da sind und
zuhören. Verständnis zeigen. Mitfühlen. Auch mal das Schweigen des Kindes, wenn es sich mit
Sprechen schwertut, aushalten.
Wenn es Ihnen gelingt, Ihrem Kind zu vermitteln, dass Sie es trotz der schlechten Note als
Mensch annehmen und hinter ihm stehen, dann haben Sie bereits das wichtigste Ziel erreicht.
Wie reagiert Alexanders Mutter, als er nach Hause kommt?
Vor dem Gespräch mit Alexander entspannt sich Frau Kramer kurz. Sie ruft sich ins
Gedächtnis, wie sie selbst dann reagieren wird, wenn die Note schlecht sein sollte. Nämlich mit
Verständnis und Zuhören. Nachdem sie gesehen hat, in welcher Stimmung Alexander zu Hause
ankommt, ahnt sie schon, dass es auch diesmal wieder keine gute Note sein wird. Enttäuschung
schleicht sich bei ihr ein.
Dennoch fragt sie erwartungsvoll, als sie sich mit Alexander an den Arbeitstisch setzt:
»Na, wie war die Mathearbeit?« Die Art wie Frau Kramer fragt, zeigt, dass sie doch insgeheim
auf eine gute Note gehofft hat. Verständlich und normal.
Aber Alexander gibt keine Antwort.
Frau Kramer: »Du möchtest am liebsten nicht darüber sprechen?«
Alexander gibt keine Antwort.
Statt zu drängen wartet Frau Kramer ab. Vielleicht zwanzig, vielleicht dreißig Sekunden.
Sie atmet durch und versucht sich zu entspannen.
Nach einiger Zeit sagt Frau Kramer: »Du bist enttäuscht?«
Alexander nickt – und zeigt damit, dass ihn seine Mutter richtig verstanden hat.
Frau Kramer wartet wieder ein bisschen ab, dann sagt sie: »Kann ich verstehen, du hast
dich ja auch so sehr vorbereitet.« Oder: »Kann ich verstehen, du hattest dir ja auch so sehr ein
anderes Ergebnis gewünscht.«

Das Wichtigste bei schlechten Noten ist Verständnis.
Was nicht nötig ist:
• Weiteres Nachfragen wie beispielsweise: »Ich verstehe nicht, wie das passieren
konnte?« Das ist ein Vorwurf.
• Weiteres Nachfragen wie beispielsweise: »Was für Noten haben denn die anderen?«
Denn wenn die anderen bessere Noten haben, stellt das Alexander in schlechtes Licht und macht
ihm deutlich, dass er im Vergleich zu den anderen eine schlechte Leistung gezeigt hat. Das kann
dazu führen, dass er noch mehr an sich zweifelt. Das wiederum mindert seine Lernenergie.
• Resignation von Frau Kramers Seite, etwa: »Wie soll es denn jetzt weitergehen?« Das
würde Alexander nur entmutigen und hilflos machen. Oder: »Ich weiß gar nicht mehr, was ich
jetzt noch mit dir machen soll.« Damit würde sie Alexander vermitteln, dass er eigentlich ein
hoffnungsloser Fall ist.
• Drohen wie: »Wenn deine Noten nicht endlich besser werden, wirst du die Klasse
wiederholen müssen.« Wenn Sie tatsächlich diese Befürchtung haben, dann sagen Sie es besser
zu einem späteren Zeitpunkt, wenn Sie sich selbst wieder beruhigt haben. Dann könnten Sie
sagen, »Alexander, ich mache mir wirklich Sorgen, dass du das Klassenziel nicht erreichen
wirst.«
• Strafen wie: »Für heute Abend ist dein Fußballtraining gestrichen.« Damit würde ihm
Frau Kramer sogar einen wichtigen Ausgleich nehmen. Denn das Fußballtraining hat gerade jetzt
zahlreiche Vorteile. Es lenkt Alexander ab, vermittelt ihm durch die intensive Bewegung bessere
Stimmung und fördert sein Kompetenzerleben immerhin in Bezug auf Fußball.
Manche Kinder brauchen jetzt eine kurze Pause. In diesem Fall sagt Alexanders Mutter:
»Komm, wir machen jetzt erst mal eine kleine Pause. Soll ich dir einen Schluck Wasser
bringen?«
Andere Kinder sind schon wieder in der Lage, sich an ihre Hausaufgaben zu setzen. Diese
Kinder brauchen keine weitere Hilfe.
6 Die Wiederaufbau- und Bewältigungsphase

Diese Phase ist für diejenigen Kinder gedacht, die mehr Unterstützung brauchen. Sie sind
meist jünger, wie Julian, der zehn Jahre alt ist und gerade eine schlechte Note geschrieben hat.
Nach einer kurzen Pause sagt Frau Bertrand: »Gleich ist Zeit für die Hausaufgaben.«
Julian: »Ich hab keine Lust.«
Frau Bertrand: »Das kann ich verstehen.« Sie lässt eine kurze Pause und fährt dann fort:

»Ich möchte trotzdem, dass du anfängst. Soll ich dir dabei helfen, oder willst du es lieber alleine
machen?«
Damit macht sie klar, dass jetzt kein Weg an den Hausaufgaben vorbeiführt, auch wenn
Julian gar nicht dazu aufgelegt ist. Gleichzeitig bietet sie ihm Unterstützung an.
Oft ist es dann sinnvoll mit dem Kind die Hausaufgaben ein wenig vorzustrukturieren.
Frau Bertrand bespricht mit ihm, was er alles aufhat. Gemeinsam erstellen sie eine kurze Liste
aller Aufgaben. Frau Bertrand hilft Julian, die Liste so zu ordnen, dass Julian mit einer kurzen
und leicht zu bewältigen Aufgabe beginnen kann. Dann startet er mit einem Erfolgserlebnis.
Natürlich sagt sie dann: »Prima, die erste Aufgabe hast du schon gemacht. Ich hab gewusst, dass
du das schaffst.«

Die beste Strategie nach einer schlechten Note ist, einfach weiterzulernen. Dabei
brauchen manche Kinder Unterstützung.
Julian und Alexander haben, mit Unterstützung durch ihre Mütter, etwas sehr Wichtiges
gelernt: In schwierigen Phasen durchzuhalten. Das werden sie fürs spätere Leben gut brauchen
können. Jeder von uns kennt schwierige Zeiten, in denen es darum geht, negative Emotionen zu
überwinden und nach einer Enttäuschung wieder auf die Beine zu kommen.
7 Ein Donnerwetter hat noch niemandem geschadet

Stimmt das? Wenn nichts mehr geht, bleibt immer noch das Donnerwetter. Und viele
erhoffen sich dadurch endlich die Wende.
Das könnte sogar auch ausnahmsweise mal so sein. Ich bin selbst so eine Ausnahme.
Nachdem ich zwölf Jahre in der Schule nur das Allernötigste getan hatte und ein sehr schwacher
Schüler war, hätte ich fast die zwölfte Klasse repetieren müssen, nachdem ich bereits vorher eine
Klasse wiederholt hatte. Ein Donnerwetter meiner damaligen Klassenlehrerin am vorletzten
Schultag der zwölften Klasse brachte mich zur Räson. Ich begann zum ersten Mal richtig zu
lernen.
Das Gefährlichste an einem Donnerwetter ist, wenn es kurzfristig zu einer Veränderung
führt, die dann aber nicht lange anhält. Der kurzfristige Erfolg verleitet viele Eltern dazu, immer
öfter auf diese Strategie zurückzugreifen. So werden aus einem Donnerwetter hundert.
Dann treten Negativeffekte ein:
• Die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Kind wird zunehmend schlechter.
• Das Kind verknüpft Lernen und Schule mit Donnerwettern – also mit negativen
Emotionen. Bald strahlen diese auf alles aus, was mit Schule und Lernen zu tun hat. Und nehmen
dem Kind jede Freude am Lernen.

• Möglicherweise entwickelt das Kind einen Abstumpfungseffekt, indem es sich innerlich
denkt: »Lass sie reden.« Damit wird es für seine Eltern zunehmend schwieriger, zu ihm
durchzudringen. Nicht nur im Hinblick auf die Hausaufgaben, sondern ganz allgemein. Ihr
Donnerwetter muss sich dann zum Hurrikan ausweiten, damit das Kind reagiert.

Kapitel 3

Ihre Erwartungen

1 Was erwarten Sie von Ihrem Kind?

Herr und Frau Schneider hatten keine klaren Vorstellungen bezüglich Yanniks
Schullaufbahn. Irgendwie wird er die Schule schon schaffen, meinten sie. Und waren schon sehr
zufrieden, wenn Yannik überhaupt seine Hausaufgaben erledigte. »Wir haben in der Schule auch
nur das Nötigste getan und waren auch keine Leuchten«, sagten sie. Trotzdem ist aus uns etwas
geworden. So oder ähnlich denken viele Eltern.
Anders die japanische Familie Yamashito. Für beide Eltern sind Engagement und
Anstrengungsbereitschaft von klein auf wichtige Tugenden. Mit großer Aufmerksamkeit und
hohen Erwartungen verfolgen sie den Schuleintritt des kleinen Hideo und dessen schulische
Laufbahn. Sie interessieren sich für alles, was er in der Schule erlebt und lernt. Für sie ist es, wie
für so viele japanische Familien, selbstverständlich, dass sie mit ihm über seine Noten sprechen,
sich für seine schulischen Pläne und Ziele interessieren, ihn beim Lernen unterstützen und sich
regelmäßig bei seinem Lehrer über seine Entwicklung und seinen Lernfortschritt auf dem
Laufenden halten.
Wenn das Bildungsniveau asiatischer Schüler deutlich über dem europäischer Schüler
liegt, dann vor allem deshalb, weil deren Eltern hohe Erwartungen hinsichtlich der
Einsatzbereitschaft und des Engagements ihrer Kinder haben.
Diese Werte sind in der asiatischen Gesellschaft tief verwurzelt. So lehrte zum Beispiel
schon Konfuzius: »Der Mensch kann sich perfektionieren, wenn er an sich arbeitet. Wenn er
ausdauernd übt und sich bemüht.« Das haben viele asiatische Eltern verinnerlicht. Und geben es
an ihre Kinder weiter. Zusätzlich spielen diese Tugenden in zahlreichen Märchen und Sagen eine
wichtige Rolle. Für Eltern und Kinder sind Ausdauer und Disziplin positiv besetzt.
Anders in Deutschland. Dort gelten sie als altmodische Relikte aus einer düsteren
Vergangenheit. Viele Eltern meinen sogar, sie würden die Kreativität ihrer Kinder behindern und
sie bei der Entfaltung ihrer Persönlichkeit hemmen.

Ihre eigene Einstellung zu Ausdauer und Anstrengung beeinflusst die Ausdauerund Anstrengungsbereitschaft Ihres Kindes.
2 Mit realistischen Erwartungen erreichen Sie am meisten

Manche Eltern erwarten, dass ihre Kinder gute Noten schreiben. Verständlich, allerdings
nicht so hilfreich. Denn es gibt viele Gründe, warum viele Kinder, selbst wenn sie gut lernen,

keine Super-Noten schreiben, wie z.B.,
• weil sie bei Prüfungen ängstlicher und nervöser sind als andere
• weil sie nicht genau das gelernt haben, was der Lehrer prüft
• weil der Prüfungsstoff so umfangreich war, dass sie nicht alles lernen konnten
• weil sie es von ihrem Potential her schwerer haben.
Wenn Eltern vor allem sehr gute Noten von ihrem Kind erwarten, kann das folgende
Nachteile haben:
• Das Kind lernt nur auf die jeweilige Prüfung, weil es meint, die Noten seien
ausschlaggebend, anstatt der Stoff beziehungsweise die Inhalte.
• Das Kind setzt sich unter Druck, um die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen. Das
muss grundsätzlich nicht schlecht sein. Aber viele Kinder setzen sich unter so hohen Druck, dass
sie Prüfungsangst entwickeln.
• Das Kind sieht Fehler grundsätzlich als etwas Schlechtes an. Diese Haltung blockiert es
dabei, aus Fehlern zu lernen.
Eine für die meisten Kinder realistische Erwartung ist beispielsweise: »Wir wollen, dass
du alle deine Hausaufgaben sorgfältig erledigst.«
Aber bei einem Kind mit einem stark ausgeprägten ADHS (Aufmerksamkeits-Defizitund Hyperaktivitäts-Syndrom) sind diese Erwartungen vermutlich bereits zu hoch gegriffen.
3 Wie Sie Ihrem Kind Ihre Erwartungen kommunizieren

Es ist ein großer Unterschied, ob Sie Ihrem Kind Ihre Erwartungen schnell mal zwischen
Tür und Angel einfach mitteilen, oder ob Sie sich dafür einen entsprechenden Rahmen
aussuchen.
Natürlich kündigen Sie Ihrem Kind das Gespräch vorher an. Sie sagen aber nicht: »Weil
du mit deinen Hausaufgaben immer so rumschlampst, müssen wir mit dir sprechen«, sondern Sie
geben dem Gespräch von vornherein eine positive Richtung, indem Sie zum Beispiel sagen: »Du
weißt doch, dass uns wichtig ist, dass du deine Hausaufgaben sorgfältig erledigst. Wir möchten
uns mit dir zusammensetzen und mit dir besprechen, wie du das am besten schaffst, was du dafür
brauchst und ob und wie wir dir dabei helfen können.«
Wichtig ist auch die Frage, wer an diesem Gespräch teilnimmt. Stellen Sie sich eine
Familie mit Vater, Mutter und Kind vor. Während Mutter und Kind am Samstagabend beim
Gespräch sind, sitzt der Vater vor dem Fernseher und sieht die Sportschau. Damit signalisiert er:
Der FC Bayern München ist wichtiger als Hausaufgaben und Schule.

Und wenn die Eltern getrennt sind? Wenn möglich, sollen trotzdem beide teilnehmen.
Aber Vorsicht: Das verlangt jetzt nämlich eine mindestens gute Arbeitsbeziehung zwischen den
getrennten Eltern. In diesem Fall ist es ganz besonders wichtig, dass Sie Ihre jeweiligen
Erwartungen im Voraus genau absprechen. Nicht dass dann im Gespräch plötzlich der eine ganz
andere Meinungen vertritt als der andere. Das hätte nämlich nur den Effekt, dass sich das Kind
für die Ansicht entscheidet, die ihm weniger abverlangt.
Sie sind dann auf dieses Gespräch gut vorbereitet, wenn
• Sie Ihre Erwartungen geklärt haben
• Sie davon überzeugt sind, bei diesem Gespräch ruhig und gelassen zu bleiben – egal
was geschehen wird
• Sie für einen angenehmen und entspannten Rahmen gesorgt haben, indem Sie z.B.
etwas zu trinken bereitgestellt haben.
Das Gespräch hat folgenden Inhalt:
• Sie formulieren Ihre Erwartungen, wie z.B., dass Ihr Kind zur gemeinsam festgelegten
Zeit in sein Zimmer geht, den Schreibtisch aufräumt, eine Liste mit allen Aufgaben schreibt, alle
nötigen Materialien holt, mit seinen Hausaufgaben beginnt und am Ende überprüft, ob es alles
erledigt hat und ob alles richtig ist.
• Fragen Sie Ihr Kind: »Hast du schon eine Vorstellung davon, wie du das alles in
Zukunft schaffst?« Hier geht es darum, dass nicht Sie Ihrem Kind vorschreiben, wie es Ihre
Erwartungen erfüllt, sondern dass es selbst nach Wegen sucht, diese – zugegeben
hochgesteckten – Erwartungen zu erfüllen.
• Sie besprechen, wer überprüft, ob Ihr Kind Ihre Erwartungen eingehalten hat oder nicht.
In der Regel ist es sinnvoll, wenn sowohl Ihr Kind als auch Sie selbst diese Aufgabe übernehmen.
• Sie legen den Termin für das Nachgespräch fest.
Das sind Ihre Vorgaben. Ihr Kind mag sie mit »Wie uncool!« kommentieren. Aber
darüber bestimmen darf es nicht.
Halten Sie die wichtigsten Inhalte des Gesprächs und den Termin des Nachgesprächs
schriftlich fest. Lassen Sie jeden Teilnehmer unterschreiben.
Beenden Sie die Übereinkunft mit einem positiven Abschluss. Indem Sie bei kleineren
Kindern noch ein Spiel machen, bei größeren Kindern noch kurz zusammensitzen und zum
Beispiel eine Tasse heiße Schokolade trinken.
4 Wann soll das erste Nachgespräch stattfinden?

Der Termin des ersten Nachgesprächs muss so gelegt sein, dass Ihr Kind mit einem

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