Warum hast du mir das angetan Untreue als Chance

by Hans Jellouschek

Author Hans Jellouschek Isbn 9783492224659 File size 3 6MB Year 1997 Pages 192 Language German File format PDF Category Family and Friendship Da ein Seitensprung nicht der Tod einer Beziehung sein mu da diese Situation viele Chancen f r einen neuen gemeinsamen Aufbruch birgt zeigt der Paartherapeut Hans Jellouschek am Beispiel von Paaren die es anders machen Sein Buch ist ein Pl doyer f r die Liebe Geduld und Toleranz Download 3 6MB Mamas Gl cksbuch Der Begleiter f r gela

Publisher :

Author : Hans Jellouschek

ISBN : 9783492224659

Year : 1997

Language: German

File Size : 3.6MB

Category : Family and Friendship

Ewig lockt das andere
Weib - und manchmal auch
der andere Kerl.

Hans Jellouschek

Wenn einer von beiden fremdgeht und
der andere das erfährt, erlebt der
Betrogene einen Schock, einen Bruch
des Vertrauens und fühlt dann
meistens nur noch, daß alles zu Ende
ist ... Daß dies keineswegs der Tod
der Beziehung sein muß, daß diese
Situation viele Chancen für einen
neuen gemeinsamen Aufbruch
birgt, beschreibt der Paarth_erapeut
Hans Jellouschek in diesem Buch am
Beispiel von drei Paaren, die es
anders machen.
»Die Stärke des Buches zeigt sich
da, wo der Autor auf seine langjährigen Erfahrungen als Therapeut
zurückgreift, nämlich bei den Lösungsvorschlägen.«
Psychologie heute

ISB N 3-492-22465-2

DM

16.90

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9 783492 224659

OS 123.00

Hans lel/ouschek
nWarum hast du mir das angetan?«

Zu diesem Buch

Wenn einer von beiden fremdgeht und der andere das erfährt,
erlebt der Betrogene einen Schock, einen Bruch des Vertrauens und fühlt dann meistens nur noch, daß alles zu Ende ist ...
Daß ein Seitensprung keineswegs der Tod der Beziehung sein
muß, daß diese Situation viele Chancen für einen neuen und
gemeinsamen Aufbruch birgt, beschreibt der Therapeut Hans
Jellouschek in diesem Buch am Beispiel von drei Paaren, die
es anders machen. Untreue kann auch als »kritisches Lebensereignis« gewertet werden, das alle herausfordert, alte, eingefahrene Gleise zu verlassen und zu neuen Ufern aufzubrechen.
Durch den Seitensprung nämlich werden oft zum ersten Mal
wichtige Themen des Paares und seiner Beziehung angesprochen, die bisher unter den Teppich gekehrt wurden. Jellouschek plädiert gegen schnelle »Alles-oder-nichts-Lösungen«,
wohl aber für einen langen Atem, Geduld und viel Toleranz.
Hans lellouschek, geboren 1939 in Linz/Österreich, ist promovierter Theologe. Heute ist er als Eheberater und Lehrtherapeut für Transaktionsanalyse tätig, zusammen mit seiner Frau
Margarethe Kohaus-lellouschek in einer freien Praxis für Paartherapie bei Tübingen.

Hans lel/ouschek

»Warum hast du mir
das angetan?«
Untreue als Chance

Piper München Zürich

Redaktion: Ingrid Veble-Weigel
Das Gedicht von Erich Kästner auf Seite 96f.
(aus »Gesammelte Schriften für Erwachsene«, 1969)
wird abgedruckt mit freundlicher Genehmigung des AtriumVerlags, Zürich, © Erich Kästner-Erben, München.

Ungekürzte Taschenbuchausgabe
Juni 1997
© 1995 Piper Verlag GmbH, München
Umschlag: Büro Hamburg
Simone Leitenberger, Susanne Schmitt, Andrea Lühr
Umschlagabbildung: Tom Curry
Foto Umschlagrückseite : Piper Archiv
Gesamtherstellung: Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany ISBN 3-492-22465-2

INHALT

Vorbemerkung
Erstes Kapitel:
Dreiecksgeschichten
1.
2.
3.
4.
5.
6.

Wie spricht man darüber? . .
Dreiecksbeziehungen heute .
Aufforderung zum Wandel .
Drei Beispiele . . . . . . . .
Beschreibungen von Dreiecks-Konstellationen
Die Beschreibung als Bewältigung

Zweites Kapitel:
Die Dreiecksbeziehung als Ausgleichsversuch
1. Sicherheit und Erregung . . .
2. Dominanz und Unterordnung .
3. Geben und Nehmen . . . . . .

Drittes Kapitel:
Dreiecksbeziehung und Paargeschichte
1. Lebenszyklus-Aspekte . . . . . . . . .
2. Die Paargeschichte . . . . . . . . . . .
3. Entwicklungsphasen der Paarbeziehung

Viertes Kapitel:
Dreiecksbeziehung und Herkunftsfamilie .
1. Ungelöste Bindungen . . . .
2. Muttersohn und Vatertochter . . . . . . . . .

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3. Der »liebe Junge« und der »Held«
4. Die »Prinzessin« und die »Tüchtige«
5. Ineinandergreifende Skriptmuster

Fünftes Kapitel:
Lösungsversuche
1.
2.
3.
4.
5.

Abbrechen .
Verschweigen . .
Tolerieren . . . .
Vom Dreieck zum Viereck
Das Dreieck miteinander leben

Sechstes Kapitel:
Beratung und Therapie
1. Bevor die Beratung/Therapie beginnt
2. Phasen der Beratung/Therapie . . . .
3. Rituale von Abschied, Wiedergutmachung und Neubeginn

Siebtes Kapitel:
Leidenschaft, Treue und Selbstverwirklichung .

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1. Ein letzter Blick auf die drei Paare
2. Leidenschaft und Dauer. . . . .
3. Treue und Selbstverwirklichung

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184

Anmerkungen . . . . . . . . . . .

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VORBEMERKUNG

Die Aussagen in diesem Buch erheben keinen wissenschaftlichen
Anspruch. Sie sind der Versuch, meine praktischen Erfahrungen
aus zwanzig Jahren Arbeit mit Paaren zum Thema Dreiecksbeziehungen zu ordnen und in ein System zu bringen. Meine Arbeit nämlich Therapien und Beratungen von einzelnen Paaren und
mehrtägige Workshops mit Paaren und einzelnen - habe ich von
Anfang an zusammen mit meiner Frau Margarete Kohaus-Jellouschek durchgeführt, reflektiert und konzeptualisiert, so daß sie vor
allem wesentlichen Anteil am Zustandekommen dieses Buches
hat. Dafür mächte ich mich bei ihr herzlich bedanken. Weiter
mächte ich meine Kollegin Angelika Gläckner erwähnen, mit der
ich mehrere Seminare zum Thema »Dreiecksbeziehungen« leitete, aus denen ich viele Anregungen und Impulse mitgenommen
habe.
Schließlich mächte ich den vielen Menschen danken, den Ehefrau,en, Ehemännern und »Geliebten« beiderlei Geschlechts, die
sich uns anvertrauten und uns so zu unseren Erfahrungen und Erkenntnissen verhalfen.
Das vorliegende Buch ist sowohl für professionelle Helfer, als
auch für unmittelbar Betroffene geschrieben.
Ammerbuch, im Frühjahr 1995

Hans Jellouschek

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ERSTES KAPITEL

DREIECKSGESCHICHTEN

1. Wie spricht man darüber?
Seit ich mich mit dem Thema Untreue und Dreiecksbeziehungen
befasse, stehe ich vor begrifflichen Schwierigkeiten. Denn ich bewege mich hier, trotz aller Liberalisierung, in einem gesellschaftlich tabuisierten Bereich, was sich schon allein darin zeigt, wie
man darüber spricht: So gut wie alle Begriffe, die in diesem Zusammenhang verwendet werden, haben eine moralische Färbung. Sie urteilen, verurteilen, werten ab, sprechen schuldig
oder nicht schuldig. Damit werden sie aber dem menschlichen
und psychologischen Geschehen kaum gerecht. Auf den folgenden Seiten werden wir diesem Problem immer wieder begegnen.
Darum stelle ich einige Überlegungen zum Sprachgebrauch an
den Anfang.
Wenn ein Partner in einer auf Dauer angelegten Zweierbeziehung eine intensive, d. h. in der Regel sexuelle Beziehung zu
einem Dritten eingeht, dann nenne ich die Beziehungskonstellation, die dadurch entsteht, »Dreiecksbeziehung«, »Beziehungsdreieck« oder »Dreieckskonstellation«. Dabei spielt es für mich
eine untergeordnete Rolle, ob die Außenbeziehung geheim bleibt
oder offen wird, ob sie gegen den Willen oder mit Einverständnis
des anderen Partners unterhalten wird. Dies mag verwundern,
denn ein offengelegtes Dreieck scheint sich von der Situation einer
verschwiegenen Außenbeziehung stark zu unterscheiden, und
beim Begriff »Dreiecksbeziehung« denkt man in der Regel an ein
offengelegtes Beziehungsdreieck. Dennoch scheint mir dies auch
im Fall der Geheimhaltung der richtige Begriff. Denn sobald einer
der Partner eine Außenbeziehung eingeht, ändert sich in jedem
Fall die Situation der Zweierbeziehung grundlegend. Auch wenn
der »treue« Partner nicht von dem oder der Geliebten weiß, be9

kommt er auf eine verborgene Weise mit diesem/dieser zu tun,
tritt also in eine Beziehung zu ihm/ihr, und deshalb entsteht ein
Beziehungsdreieck, auch wenn diese Tatsache nicht von allen Beteiligten wahrgenommen, vielleicht sogar geleugnet oder verleugnet wird. Sobald einer der Partner eine intime Außenbeziehung
eingegangen ist, ist nichts mehr so, wie es vorher war. Jeder wirkt
dann auf jeden ein. Die Außenbeziehung wirkt auf die Ehebeziehung, genauso, wie die Ehebeziehung auch die Außenbeziehung
beeinflußt und ihren spezifischen Charakter mitbestimmt. Es entsteht eine Wechselwirkung zwischen allen dreien, dem Ehemann,
der Ehefrau und dem/der Geliebten, also eine Dreiecksbeziehung.
Für die einzelnen Beteiligten im Beziehungsdreieck verwende
ich im folgenden bestimmte Begriffe, die den Part in der Dreieckskonstellation benennen. So spreche ich vom »Ehemann«, von der
»Ehefrau« - auch wenn es sich um ein nicht formell verheiratetes
Paar handelt - und von dem oder der »Geliebten«. Derjenige, der
die Außenbeziehung eingeht, ist im allgemeinen Sprachgebrauch
der »Untreue« oder der »Betrüger«, derjenige, dem sie widerfährt, ist der »Treue« oder der »Betrogene«. Diese Begriffe
enthalten eindeutige moralische Wertungen. Mein Anliegen in
diesem Buch ist es aber, möglichst unvoreingenommen die systemischen und psychologischen Zusammenhänge zu sehen und zu
würdigen, die in solchen Konstellationen wirksam sind. Damit
verbietet sich eigentlich der Gebrauch dieser Begrifflichkeit. Andererseits wäre ich gezwungen, ständig komplizierte ymschreibungen vorzunehmen. Um das zu vermeiden, werde ich trotzdem
vom »Untreuen« und »Betrüger« sowie vom »Treuen« und »Betrogenen« sprechen, dabei aber bewußt diese Begriffe in Anführungszeichen setzen.
Wenn im folgenden von »dem/der Geliebten« die Rede ist, berücksichtige ich nicht, daß dieser / diese seinerseits wieder Ehefrau
oder Ehemann sein kann. Ich sehe also das Geschehen vor allem
aus der Perspektive des betroffenen Paares, zu dem ein Dritter /
eine Dritte hinzukommt. Ob diese/r Dritte ein Single ist oder seinerseits in einer festen Beziehung lebt, lasse ich in der Regel außer
acht. Ich bin mir bewußt, daß dies eine künstliche Eingrenzung
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darstellt, nehme diese aber in Kauf, um die Beziehungskomplexität auf ein beschreibbares und nachvollziehbares Maß zu reduzieren.
Die an der Dreiecksbeziehung beteiligten Personen sind oft
auch Eltern kleinerer oder größerer Kinder. Diese spielen ihrerseits beim Entstehen und im Verlauf einer Dreiecksbeziehung unter Umständen eine bedeutsame Rolle. Die daraus entstehenden
Beziehungsdynamiken sind bedeutsam und müssen in die konkrete therapeutische Arbeit miteinbezogen werden. In unserem
Zusammenhang reflektiere ich jedoch diese Einflüsse nur am
Rande, zunächst ebenfalls aus Gründen der erwähnten notwendigen Komplexitäts-Reduzierung, dann aber auch deshalb, weil die
Dreiecksbeziehung in erster Linie die Paare be ne und nicht die EIternebene betrifft und deshalb auch und vor allem auf dieser
Ebene betrachtet werden muß.
Nach diesen mehr begrifflichen Vorklärungen wenden wir uns
nun der Frage zu, wie Dreiecksbeziehungen heute bewertet werden.

2. Dreiecksbeziehungen heute
Es besteht kein Zweifel, daß Dreiecksbeziehungen heute in einem
erheblich größeren Ausmaß entstehen al~ dies zu früheren Zeiten
der Fall war. Statistiken sprechen davon, daß in unserer westlichen Welt etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Männer und
Frauen im Laufe ihrer Ehejahre »untreu« werden.' Dabei wird
immer wieder angemerkt, daß die Frauen in den letzten Jahrzehnten kräftig »aufgeholt« hätten. Sie haben heutzutage mit den Männern nahezu »gleichgezogen«. Die allgemeine Einstellung zu
Treue und Ausschließlichkeit der auf Dauer angelegten Zweierbeziehung scheint sich gewaltig gewandelt zu haben. Dieser Wandel ist Teil eines umfassenden Veränderungsprozesses, den wir in
Beziehungsdingen heute überhaupt erleben. Familiensoziologen
sprechen von einem umfassenden Individualisierungsprozeß oder
von der fortschreitenden Freisetzung des Individuums aus vorgegebenen sozialen und weltanschaulichen Bindungen. 2 Dieser Pro11

zeß hat in der westlichen Welt mit der Modeme eingesetzt, durch
die Industrialisierung weite Kreise erfaßt und ist heute - im Zeitalter der» Postmoderne« - noch in vollem Gange.
Während sich früher der einzelne als Teil eines umfassenden
Ganzen verstand, dem er sich einzufügen und zu dienen hatte, ist
heute das Individuum und seine Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt getreten. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf das
Beziehungsleben. Nicht mehr die Existenzsicherung und das Weiterführen der Generationsfolge stehen im Vordergrund, sondern
die wechselseitige Erfüllung individueller Glücksvorstellungen.
Dementsprechend wird nicht mehr die Versorgung und Fürsorge
der Partner füreinander betont, sondern die leidenschaftliche,
erotische Liebe. Nicht mehr der gemeinsame Dienst an einem
Dritten - den Kindern, der Familie - ist das vordringliche Anliegen, sondern die Verwirklichung und Ausprägung der eigenen
Individualität. Die Sexualität dient nicht mehr vordringlich der
Fortpflanzung, sondern wird zum hauptsächlichen Schauplatz
dieses individualisierten GlÜcksstrebens. Die Frauen lösen sich
immer mehr von ihren dienenden Rollen. Kinder zu haben, ist
nicht mehr ihr Schicksal, sondern obliegt ihrer autonomen Entscheidung. Eine eigene berufliche Identität gehört immer mehr zu
ihrem Selbstverständnis, selbst dann, wenn sie äußerlich noch
in der traditionellen Hausfrauen- und Mutterrolle leben. Die
Bindung der Partner aneinander wird immer weniger als objektiv
vorhandenes »eheliches Band« erlebt, sondern als eine GefühlsTatsache, die entweder vorhanden ist, oder auch nicht (mehr).
Wandel, Flexibilität, Mobilität und das Momenthafte im Hier und
Jetzt stehen im Vordergrund des Lebensgefühls, während das
Bleibende und Verläßliche, das Dauerhafte und Kontinuierliche
eher in den Geruch des Langweiligen oder Sturen geraten. Die
»Treue zu sich selbst« bekommt einen immer zentraleren Stellenwert - und sie gerät immer häufiger mit der »Treue zum anderen«
in Konflikt.
Gewiß kommen derartige Trends nicht in allen gesellschaftlichen Milieus gleichermaßen zur Geltung. Nach Burkart und
Kohli 3 sind sie lediglich für das alternative und teilweise für das
intellektuelle Milieu typisch, während im technischen, im länd-

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lichen und im Arbeiter-Milieu die traditionellen Werte der patriarchalen bürgerlich-christlichen Ehe das Bewußtsein noch stärker bestimmen. Dennoch ist nicht zu verkennen, daß diese Werte
auch hier nicht mehr unverrückbar sind. Die Ausschließlichkeit
der Partnerliebe und die Treue bis in den Tod sind vielleicht noch
Ideale, aber als verbindliche Normen hören sie mehr und mehr auf
zu existieren.
Wenn heute Partner einander treu bleiben, tun sie es immer
weniger aus familiären, ökonomischen und weltanschaulichen
Gründen wie das früher der Fall war, sondern vor allem deshalb,
weil es ihnen ein Bedürfnis ist, sich treu zu bleiben, weil sie ihre
Beziehung als subjektiv befriedigend und sinnhaft erleben. Ist dies
nicht mehr der Fall, hat ein heutiger Mensch immer weniger tragfähige Argumente für Treue und Ausschließlichkeit. Wenn er
diese weiter aufrechterhält, kann er sogar ein schlechtes Gewissen
bekommen und muß sich fragen, ob es ihm vielleicht an Mut mangelt, aus den Konventionen auszubrechen. Treue existiert nicht
mehr als objektive Norm, als ein weltanschaulich begründetes
Postulat. Treue gibt es immer häufiger nur noch, sofern sie subjektiv als etwas in sich selbst Sinnhaftes erfahren wird. Damit gründet
sie sich aber auf einen äußerst instabilen Faktor, denn die subjektive Erfahrung ist allerlei unkalkulierbaren Schwankungen unterworfen. Darum ist es kein Wunder, daß die Zahl der Außenbeziehungen zunimmt und es Dreiecksbeziehungen viel häufiger gibt
als in früheren Zeiten.

3. Aufforderung zum Wandel
Außenbeziehungen werden also immer »normaler«. Werden sie
deshalb auch als normal empfunden? Das ist keineswegs der Fall.
Trotz Aufklärung und Individualisierung gilt nach wie vor, was
Heinrich Heine dichtete und Robert Schumann in der »Dichterliebe« vertonte: »Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer
neu. Und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei!«
Wenn »es passiert« wird dies in der Regel als tiefe Erschütterung
erlebt. Die Frage »Warum hast du mir das angetan?« bringt dies
13

deutlich zum Ausdruck. Selten geht es ohne schwere Verletzung
und Leid ab, es kommt zu tiefen Einschnitten ins bisherige Leben
und manchmal zu einer grundlegenden Neuorientierung aller Beteiligten. Das Auftauchen des »Dritten« stellt ein zutiefst krisenhaftes Ereignis dar. Wie ist das zu verstehen?
Das Auftauchen eines Dritten im Lebenszyklus stellt für eine
Zweierbeziehung ganz allgemein eine Krise dar, auch wenn es sich
bei diesem Dritten keineswegs um einein Geliebtein handelt.
Auch das freudig erwartete Baby wirbelt alles durcheinander, was
sich ein junges Paar bisher aufgebaut hat. Auch der Besuch der
Schwiegermutter kann für manche Paare ein scheinbar nicht zu
bewältigendes Konfliktgeschehen darstellen, das regelmäßig heftigst ausbricht. Und die intensiven Gespräche der Ehefrau mit ihrer Freundin lieBen schon manchen Haussegen in Schieflage geraten. Was sich zwischen zweien eingespielt hat, ob dies besonders
befriedigend ist oder nicht, gibt Sicherheit und Orientierung. Es
stellt ein Gleichgewicht dar, das ein Gefühl von Stabilität vermittelt. Der hinzutretende Dritte destabilisiert, er verunsichert und
macht orientierungslos. So muß das Entstehen von »Triaden« Beziehungsdreiecken - ganz allgemein als »kritisches Lebensereignis« im Lebenslauf bezeichnet werden, das StreB verursacht
und das Bewältigungspotential von Beziehungspartnem stark herausfordert und manchmal überstrapaziert. 4
Nun ist das Entstehen der familiären Triade - Vater, Mutter,
Kind - wie auch das Hinzukommen der Schwiegermutter oder der
Freundin usw. jeweils ein kritisches Lebensereignis, das zweifellos
zum normalen Lebenszyklus eines Paares gehört. In diesem Sinne
sind Triaden »vorhersehbar«, man rechnet mit ihnen, redet über
sie, nimmt sie vorweg und stellt sich auf sie ein, denn das hilft, sie
zu bewältigen, wenn sie tatsächlich eintreten. Besonders wichtige
»vorhersehbare kritische Lebensereignisse« wie die Geburt eines
Kindes zum Beispiel, werden sogar mit Ritualen umgeben, die
zusätzliche Bewältigungshilfen zur Verfügung stellen. So ist die
Chance gegeben, daß die Destabilisierung überwunden und im
Beziehungsgefüge wieder ein neues Gleichgewicht gefunden
wird: entweder ist eine neue »funktionierende« Triade entstanden, im Fall der Geburt eines Kindes, oder die Dyade des Paares

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geht gestärkt aus der Krisenbewältigung hervor, im Fall des erfolgreich bewältigten Besuchs der Schwiegermutter.
Die Dreiecksbeziehung allerdings bringt das alte Gleichgewicht
des Paares besonders nachhaltig durcheinander. Denn sie gilt obwohl heute immer mehr im Bereich des Möglichen oder sogar
Wahrscheinlichen - nicht als vorhersehbares Lebensereignis. Man
nimmt sie, jedenfalls in der Regel, nicht im gemeinsamen Gespräch vorweg und stellt sich nicht mit konkreten Szenarien darauf
ein. Ähnlich wie eine Krebserkrankung oder ein plötzlicher Todesfall bricht sie unvorhersehbar über die Beteiligten herein. Unvorhersehbare kritische Lebensereignisse sind aber viel schwerer zu
verkraften. Sie sind »untertypisiert und unterritualisiert«5. Die
Betroffenen stehen damit allein da. Sie haben dafür keine tröstlichen Sprachfiguren und Rituale, um das, was ihnen widerfahren
ist, mit anderen zu teilen, es einzuordnen und zu verarbeiten. Das
erhöht den Streß und droht, das alte Gleichgewicht vollends zu
kippen.
Dazu kommt, daß heutige Partner - entsprechend ihrem »neoromantischen Liebesideal«6 - sehr unrealistische Beglückungsund Befriedigungserwartungen aneinander haben oder lange Zeit
in ihrer Ehe gehabt haben, wodurch die Enttäuschung, jedenfalls
für den »Betrogenen«, oft ins Überdimensionale steigt. Das, worauf er nahezu alles in seinem Leben gegründet hat, beginnt zu
wanken.
Schließlich wird der Streß noch durch die moralische Bewertung
der Außenbeziehung erhöht. Nicht vorhersehbare kritische Lebensereignisse - wie Erkrankung oder Tod - sind in der Regel
unvermeidbare Schicksalsschläge, eine Außenbeziehung aber
entsteht durch eine freie Tat. Daß es eine »existentielle Notwendigkeit« dazu geben könnte, wird nicht anerkannt. Damit kommt
das Thema Schuld ins Spiel, und somit haftet der Dreiecksbeziehung trotz aller Liberalisierung und Individualisierung der Geruch
des Schändlichen an. Beziehungsdreiecke sind nach wie vor mit
moralischen Tabus umgeben, man darf weder als »Täter« noch als
»Opfer« darüber offen reden, ohne sich Peinlichkeiten aller Art
auszusetzen. Daß dies eine Verarbeitung und Bewältigung oft
manchmal nahezu unmöglich macht, liegt auf der Hand. Aus gro-

15

r
\

ßer Hilflosigkeit heraus stehen dann nur zwei Lösungsmuster nach
dem »Alles-oder-Nichts-Prinzip« zur Verfügung: In einer überstürzten Hauruck-Reaktion kappt man entweder die Außen- oder
die Ehebeziehung, ohne daß dabei irgendeine der gemachten Erfahrungen auch nur annähernd angemessen ausgewertet oder gar
integriert würde.
Aber gerade die Tatsache, daß Außenbeziehungen die Zweierbeziehung so durcheinanderwirbeln, ist andererseits auch eine
große Chance - und zwar für alle Beteiligten. »Kritische Lebensereignisse bringen... immer die Aufforderung zu Wandel mit
sich«7.
Das über die Zeit hinweg entstandene Gleichgewicht der ehelichen Dyade ist ja keineswegs immer positiv zu werten. Es kann ein
Gleichgewicht der Langeweile, ja des Schreckens sein. Vieles an
ursprünglicher Lebendigkeit der beiden Partner ist vielleicht darin
aufgerieben worden. Die Triade, die Dreieckskonstellation, lädt
zum Aufbruch ein: nicht zur Wiederherstellung der alten und auch
nicht zum Sprung kopfüber in eine neue Dyade, sondern zum Aufbruch in ein unbekanntes Land. Daß dieses ein »gelobtes Land«
sein kann, wenn alle Beteiligten sich den Erfahrungen ehrlich stellen, die sie auf dem Weg machen werden, das als Möglichkeit zu
zeigen, ist das Anliegen dieses Buches.

4. Drei Beispiele
Ich möchte drei Beispiele an den Anfang meiner Erörterungen
stellen. Es handelt sich dabei um drei, meiner Erfahrung nach
typische, unterschiedliche Konstellationen, die mir in Variationen
immer wieder begegnen. Jedem dieser Typen liegt ein reales Paar
bzw. Beziehungsdreieck zugrunde, mit dem ich in verschiedenen
Kontexten meiner Arbeit zu tun bekommen habe. Ich habe jedoch
auch Daten, Zusammenhänge und Ereignisse von anderen, ähnlichen Dreiecksbeziehungen dazugenommen. Dadurch wollte
ich das »Typische« des Falles jeweils deutlicher herausarbeiten.
Außerdem kommt dies der Nichtidentifizierbarkeit der Fälle zugute, was bei unserem Thema von besonderer Bedeutung ist.

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Die drei Paare sind in mehrfacher Hinsicht sehr unterschiedlich. Theo und Maria, wie ich die bei den hier nenne, sind das
älteste Paar. Theo ist Mitte, Maria Anfang 50. Vom Beruf des
Mannes her sind sie dem »technischen Milieu« zuzuordnen, teilen aber das traditionelle Rollen- und Eheverständnis, wie es
nach Burkart und Kohli eher für das ländliche und das Arbeitermilieu charakteristisch ist. Ria und Thomas sind das jüngste Paar,
beide Mitte 30. Sie haben einen sozialen Beruf und vertreten
beide entschieden ein progressives Rollen- und Eheverständnis.
Ihrer ganzen Lebensauffassung nach sind sie dem Alternativmilieu zuzurechnen. Eine Mittelstellung nehmen Al! und Dorothea ein. Zwischen ihnen besteht ein großer Altersunterschied:
Alf ist Ende 50, Dorothea Mitte 30. Am Anfang ihrer Ehe hatten
beide ein eher traditionelles Rollenverständnis, in der Krise polarisierten sie sich in extreme Positionen. Dorothea bewegte sich
auf ein sehr progressives Rollen- und Beziehungsverständnis zu,
Alf setzte dem jedoch immer starrer die traditionellen Beziehungswerte entgegen. Alf ist Architekt, Dorothea war zur Zeit
der Therapie Studentin. Sie sind am ehesten dem intellektuellen
Milieu zuzurechnen.

Ein »klassisches Dreieck«: Thea, Maria und Lila
Theo (55) ist Wirtschaftsingenieur und Führungskraft im mittleren Management einer großen Firma. Maria (51) ist ausgebildete
Lehrerin und übte ihren Beruf auch einige Jahre lang aus. Nach
der Geburt des ersten Kindes hörte sie aber zu arbeiten auf, um
sich ganz der Kindererziehung und dem Haushalt zu widmen. Die
bei den Kinder, zwei Söhne, sind 19 und 23. Der ältere hat das
Haus bereits verlassen, der jüngere macht gerade sein Abitur.
Theo hatte es im Beruf nicht leicht, er hat sehr gekämpft, um seine
heutige Position zu erringen. Auch heute kämpft er immer noch,
obwohl keine Gefahr mehr besteht, daß er seine Stellung verliert.
Seine Frau hat diesen »Heldenkampf« lange Zeit bedingungslos
unterstützt, sie tut es immer noch, aber mit Vorbehalten und
wachsendem Ärger, den sie aber selten offen äußert. Weil er
kaum Zeit hatte, wurden Kinder und Haus im Laufe der Jahre
17

allein ihre Sache, und aus einem gewissen Trotz heraus läßt sie ihn
nun auch gar nicht mehr daran teilhaben. Während er »draußen«
sein Reich regiert, errichtet sie das ihre in den vier Wänden des
Hauses. Hier hat allein sie das Sagen. Für Theo ist das bequem,
obwohl er sich andererseits auch ausgeschlossen und abgewertet
fühlt. Äußerlich herrscht meist Stille. Sie tut alles, um ihm den
Rücken freizuhalten. Die Lebensabläufe funktionieren in der materiell abgesicherten Situation reibungslos. Innerlich aber stehen
sie sich immer fremder und feindseliger gegenüber. Jeder behauptet in einem stillen Machtkampf gegenüber dem anderen seine
Position. Keiner läßt sich mehr vom anderen dreinreden. Die
Sexualität empfindet sie immer häufiger als bloßes Abreagieren
seiner Bedürfnisse, und als sie ihm das einmal im Streit an den
Kopf wirft, zieht er sich gekränkt zurück und wird nun auch seinerseits kaum mehr aktiv. So findet zwischen ihnen keine intime Begegnung mehr statt. Maria leidet darunter, daß die Kinder sie immer weniger brauchen, und sie klammert sich mit einer gewissen
Verzweiflung an ihre Tätigkeit im Haus und an die Dienste, die sie
für Theo leistet, denn das ist noch der einzige Inhalt, den ihr Leben hat. In ihrem Alter wieder in ihren Beruf einzusteigen, dazu
fehlt es ihr an Mut. So bleibt sie in ihrem goldenen Käfig äußerlich
zwar aktiv und engagiert, aber immer stärker mit einer inneren
Vorwurfshaltung und einer depressiven Grundstimmung.
In dieser Zeit wird in Theos Firma in der Nachbarabteilung für
Öffentlichkeitsarbeit eine junge, attraktive Mitarbeiterin eingestellt. Theo lernt Lilo auf einem Betriebsfest kennen, und beide
verlieben sich ineinander. Theos zurückgedrängte Sexualität
bricht wie eine Sturmflut aus ihm heraus. Aber es ist nicht die
Sexualität allein. Er lernt in dieser Frau eine Welt kennen, die ihm
bisher vollkommen verschlossen schien, eine Welt voll Schönheit,
Genuß, Kunst und Kultur. Dies weckt in ihm Visionen von einem
Leben, in dem nicht mehr alles nur von Arbeit und beruflichem
Erfolg bestimmt sein könnte. Lilo ist für ihn eine ungeheure Herausforderung. Und sie wiederum reizt es ungeheuer, diesen festgefahrenen Mann aus der Reserve zu locken, ihn in Frage zu stellen, sich mit ihm und seinen Anschauungen auseinanderzusetzen.
Theo ist fasziniert vom Engagement dieser jungen und attraktiven
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