Schwestern Interaktion und Ambivalenz in lebenslangen Beziehungen

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Author Isbn 9783531185675 File size 1 9mb Year 2011 Pages 267 Language German File format PDF Category Family and Friendship Schwestern sind h ufig durch eine lebenslange soziale Beziehung und gemeinsam erlebte Lebensphasen z B in der Herkunftsfamilie gekennzeichnet Dadurch teilen sie in der Regel eine Vielzahl pr gender und identit tsstiftender Erinnerungen sowie Erfahrungen die an weibliche Geschlechterrollen gekn pft sind Gleichwohl stellen Schwesternbeziehungen innerhalb familienso

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ISBN : 9783531185675

Year : 2011

Language: German

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Category : Family and Friendship

Vera Bollmann
Schwestern

Vera Bollmann

Schwestern
Interaktion und Ambivalenz
in lebenslangen Beziehungen

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Dissertation Universität Vechta, 2011

1. Auflage 2012
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Lektorat: Dorothee Koch | Britta Göhrisch-Radmacher
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Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germany
ISBN 978-3-531-18567-5

Vorwort

Die vorliegende Arbeit wurde im Jahr 2011 als Dissertation im Fach Soziologie
an der Universität Vechta angenommen.
Zunächst möchte ich meiner Betreuerin und Erstgutachterin Prof. Dr. Corinna Onnen herzlich danken, die mich auf meinem Weg zur Promotion vielfach
gefördert und unterstützt hat. Besonders danken möchte ich zudem Dr. Stephan
Sandkötter für seine fachlichen und kritischen Hinweise zu meiner Arbeit, vor
allem aber für seine freundschaftliche Unterstützung, auf die ich immer zählen
konnte. Auch gilt mein Dank Prof. Dr. Thomas Brüsemeister, der mir besonders
im Hinblick auf qualitative Forschung wegweisende Anregungen gegeben hat.
Ebenfalls danke ich Dr. Nina Jakoby, die für wertvollen Erfahrungsaustausch
immer präsent war und wichtige Anmerkungen zur Arbeit gab. Ferner bedanke
ich mich bei Gesa Olf, Christin Neumann und Christiane Raum, die beim
Transkribieren mitwirkten. Für ihren Einsatz beim abschließenden Korrekturlesen, aber insbesondere für ihre stets vertrauensvolle Unterstützung, danke ich
meiner Mutter, Heidrun Bollmann.
Mein inniger Dank gilt meinem Freund Vinicius für sein liebevolles Verständnis, das er in meinen von Rückzug gekennzeichneten Konzentrationsphasen
für mich aufbrachte.
Vechta, im August 2011

Vera Bollmann

Inhalt

Einleitung ........................................................................................................ 11
1

Zum Forschungsstand: Familie und Geschwister ................................
1.1
Familie und Geschwister aus sozialhistorischer Perspektive ....
1.1.1 Familiale Strukturen und demographischer Wandel in
Deutschland ..........................................................................
1.1.2 Familie und Geschwister in der vorindustriellen Zeit ..........
1.1.3 Familie und Geschwister im Zeitalter der Industrialisierung
1.1.4 Familie und Geschwister im 20. Jahrhundert bis heute ........
1.2 Die Mikroperspektive: Geschwisterbeziehungen in der
Kindheit ............................................................................................
1.2.1 Die Geschwisterpositionsforschung .....................................
1.2.2 Die Geschwisterforschung ...................................................
1.2.2.1 Primäre Sozialisation .................................................
1.2.2.2 Geschlechterkonstellation ..........................................
1.3
Schwesternbeziehungen ............................................................
1.3.1 Der Begriff Schwester im familialen Zusammenhang .........
1.3.2 Schwestern im Lebensverlauf ..............................................
1.3.2.1 Intragenerationale und geschlechtshomogene
Beziehung ..................................................................
1.3.2.2 Emotionale Bindung versus Konflikte .......................
1.3.2.3 Schwestern im höheren und hohen Alter ...................

15
15

46
50
52

2

Theoretische Überlegungen ....................................................................
2.1
Schwesternbeziehungen und Individualisierung .......................
2.2
Die Schwesternbeziehung als (nicht-)wählbare Bindung ..........
2.3
Schwesternbeziehungen in der alltäglichen Lebenswelt ...........
2.4
Forschungsfragen ......................................................................

59
60
64
66
69

3

Methodische Überlegungen .................................................................... 71
3.1
Der biographische Ansatz in der qualitativen Forschung .......... 71
3.1.1 Biographisierung lebenslanger Beziehungen ....................... 77

16
21
23
25
33
33
34
36
40
41
43
45

8

Inhalt

3.1.2

Die Schwesternbeziehung als Gegenstand biographischer
Forschung ............................................................................. 79
3.2
Das narrative Interview in der Biographieforschung ................ 80
3.2.1 Schwesternbeziehung als biographischer Prozessverlauf ..... 82
3.2.1.1 Identitätswandel durch Verlaufskurven ..................... 86
3.2.1.2 Kategorien im analytischen Verfahren ...................... 88
3.2.1.3 Analyse narrativer Interviews .................................... 89
3.2.1.4 Integratives, texthermeneutisches Analyseverfahren 93
3.3
Der Gang ins Untersuchungsfeld und die Struktur des Samples 97
3.4
Transkriptionsverfahren .......................................................... 101
4

Schwesterninteraktionen im Lebensverlauf ....................................... 103
4.1
Die Schwesternbeziehung in sozialisationstheoretischer
Perspektive .............................................................................. 103
4.1.1 „Und diese besondere Beziehung, die sich bei uns als
Kind herausgebildet hat, das ist eigentlich geblieben.“
(Maria H.)............................................................................. 105
4.1.1.1 Die Bedeutung der familialen Sozialisation in der
Kindheit ................................................................... 106
4.1.1.2 Die Beziehung zu den Eltern ................................... 110
4.1.1.3 Besondere Beziehung zur Schwester als
Sozialisationsresultat ............................................... 113
4.1.1.4 Der Individualisierungsprozess ............................... 118
4.1.1.5 Familiengeneration versus gesellschaftliche
Generation ............................................................... 122
4.1.1.6 Zwischenfazit .......................................................... 125
4.1.2 „Und ein richtiges Verhältnis, würd´ ich sagen, das hat
sich jetzt erst im Alter aufgebaut.“ (Berta K.) .................... 126
4.1.2.1 Schwesterliche Sozialisation im Erwachsenenalter . 127
4.1.2.2 Herkunftsbindungen als individualisierte
Familiengeschichte .................................................. 129
4.1.2.3 Ritualisierung der Herkunftsbindung ...................... 133
4.1.2.4 Zwischenfazit .......................................................... 135
4.2
Schwesternbeziehung unter dem Einfluss weiblicher
Biographieverläufe .................................................................. 136
4.2.1 „Und da hat es uns also gut zusammengeschweißt.“
(Franziska M.) .................................................................... 137
4.2.1.1 Rollenidentitäten in der Kindheit ............................ 138
4.2.1.2 Einfluss der Eltern auf die Beziehung ..................... 141

9

Inhalt

4.2.1.3

Kritische Lebensereignisse und ihr Einfluss auf die
Beziehung ................................................................
4.2.1.4 Zwischenfazit ..........................................................
4.2.2 „Ich kann mich noch daran erinnern, wie sie wegging.“
(Paula A.) ...........................................................................
4.2.2.1 Alter als soziales Ordnungsprinzip der Beziehung ..
4.2.2.2 „Weggehen“ als Differenzierungsmuster in
weiblichen Biographien ...........................................
4.2.2.3 Das Beziehungsmuster in der Herkunftsfamilie ......
4.2.2.4 Ritualisierung der Beziehung im höheren und
hohen Alter ..............................................................
4.2.2.5 Zwischenfazit ..........................................................
4.3
Kollektivität als individuelles Problem: Zur Ambivalenz in
Schwesternbeziehungen ..........................................................
4.3.1 „Die sind ja auch immer alle verschieden, Schwestern.“
(Elisabeth B.) ......................................................................
4.3.1.1 Kollektive und normative Konstruktion von
Schwesternbeziehungen ..........................................
4.3.1.2 Zwischenfazit ..........................................................
4.3.2 „Und so hab ich eigentlich eine Schwester und hab´ doch
keine.“ (Erika D.) ...............................................................
4.3.2.1 Normabweichung in der Schwesternbeziehung .......
4.3.2.2 Bildung als Emanzipationsfaktor .............................
4.3.2.3 Strategien im Umgang mit der Normabweichung ...
4.3.2.4 Zwischenfazit ..........................................................
4.3.3 „Das sind die archaischen Gefühle der Liebe.“ (Anne W.)
4.3.3.1 Ambivalenz zwischen Kollektiv versus
Individualität ...........................................................
4.3.3.2 Emanzipation vom Schwesternsystem ....................
4.3.3.3 Zwischenfazit ..........................................................
4.3.4 „Also ich kann organisieren. Und das kann meine
Schwester in England auch.“ (Ulrike L.) ............................
4.3.4.1 Erzählte Lebensgeschichte aus der Perspektive des
Individuellen ............................................................
4.3.4.2 Bildung als Katalysator einer besonderen
Beziehung ................................................................
4.3.4.3 Zwischenfazit ..........................................................
5

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200
201
206
212
213
213
217
222

Kontrastiver Fallvergleich ................................................................... 225
5.1
Soziale Konstruktion in familialen Beziehungen .................... 226

10

Inhalt

5.1.1 Geschlecht ..........................................................................
5.1.2 Alter ...................................................................................
5.2
Der Individualisierungsprozess und schwesterliche
Interaktionsmuster ...................................................................
5.2.1 Statuspassagen ....................................................................
5.2.2 Generationenzusammenhang ..............................................
5.3
Ambivalente Schwesternbeziehungen .....................................
5.3.1 Schwesternbeziehungen im sozialen Kräftefeld .................
5.3.2 Schwestern zwischen Nähe und Distanz ............................
5.4
Kollektives Erinnern in ritualisierten Handlungen ..................
6

226
231
233
234
236
239
239
241
243

Schluss .................................................................................................... 249

Literaturverzeichnis ..................................................................................... 253

Einleitung

Meine Arbeit über die facettenreiche Schwesternbeziehung in der Familie möchte ich mit einem Zitat der Ethnologin und Anthropologin Margaret Mead beginnen, welche in ihrer Autobiographie Blackberry Winter ihre Beziehung zu ihren
Schwestern Elizabeth und Priscilla an einigen Stellen ihrer Lebensgeschichte
vertieft:
„Sisters, while they are growing up, tend to be very rivalrous and as young mother
they are given to continual rivalrous comparisons of their several children. But once
the children grow older, sisters draw closer together and often, in old age, they become each other´s chosen and most happy companions. In addition to their shared
memories of childhood and of their relationships to each other’s children, they share
memories of the same home, the same homemaking style, and the same small prejudices about housekeeping (…). But above all, perhaps, sisters who have grown up
close to one another know how their daydreams have been interwoven with their life
experiences” (Mead 1972: 70).

Anhand ihrer selbstgemachten Erfahrungen beschreibt Margaret Mead Schwesternbeziehungen als einerseits eng, aber auch reich an Rivalitäten in jungen Jahren. Im höheren Alter, wenn die eigenen Kinder aus dem Haus sind, werden sie
zu innigen Freundinnen, die durch die gemeinsamen Erinnerungen und Erfahrungen im elterlichen Haus geprägt sind. Die gemachten Lebenserfahrungen sind
unmittelbar mit diesen gemeinsamen Erinnerungen und parallelen Erlebnissen in
Kindheit und Jugend in der Herkunftsfamilie verflochten.
Die Schwesternbeziehung ist häufig eine lebenslange Bindung, welche in
der Kindheit sozialisiert wurde und durch verbindende Kindheitserinnerungen
sowie gemeinsam erlebten Lebensphasen oft bis ins hohe Alter überdauert. Doch
wie werden lebenslange Bindungen hergestellt, und was bindet Schwestern ihr
Leben lang aneinander? Wie sehen voneinander entfremdete Schwestern, die
keinen oder wenig Kontakt miteinander haben (wollen), ihre Beziehung zueinander?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der sozialen Konstruktion von Schwesternbeziehungen im Lebensverlauf. Mit dem Wort Konstruktion soll angedeutet
werden, dass Schwestern nicht nur biologisch verwandt und somit eine natürliche Verwandtschaftsgruppierung darstellen, aus der bestimmte Handlungsmuster
V. Bollmann, Schwestern, DOI 10.1007/978-3-531-94299-5_1,
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012

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Einleitung

abzuleiten sind. Schwestern sind vielmehr in soziologischer Perspektive als soziale Gruppe und als gesellschaftliches Produkt sozialhistorischer Prozesse zu
verstehen. Dies erfordert eine konstruktivistische Sichtweise auf die alltägliche
Lebenswelt im Allgemeinen und auf Schwesternbeziehungen im Besonderen,
wie ich mit diesem Zitat von Alfred Schütz und Thomas Luckmann einleiten
möchte:
„In der natürlichen Einstellung finde ich mich immer in einer Welt, die für mich
fraglos und selbstverständlich »wirklich« ist. Ich wurde in sie hineingeboren und ich
nehme es als gegeben an, daß sie vor mir bestand. Sie ist der unbefragte Boden aller
Gegebenheiten sowie der fraglose Rahmen, indem sich mir Probleme stellen, die ich
bewältigen muß. Sie erscheint mir in zusammenhängenden Gliederungen wohlumschriebener Objekte mit bestimmten Eigenschaften“ (Schütz und Luckmann 1979/
2003: 30, Hervorhebung im Original).

Die Schwesternbeziehung ist eine solche Beziehung, welche wir mit der Geburt
zugeschrieben bekommen. Wir nehmen diese Beziehung fraglos an, die bereits
schon vor dem eigentlichen Beginn durch sozialhistorische Prozesse normativ
und moralisch ausgestaltet ist und somit unsere Rolle als (ältere, gleich alte oder
jüngere) Schwester überindividuell vorbestimmt. Die gemeinsame familiale
Sozialisation, die gemeinsamen ersten (Lebens-)Erfahrungen in der Familie, aber
auch gesellschaftliche Statuspassagen und historische Ereignisse, welche gemeinsam erlebt und verarbeitet werden, prägen Schwestern ein Leben lang. Was
sie von Brüderbeziehungen oder auch gemischtgeschlechtlichen Geschwisterbeziehungen unterscheidet, sind andere soziale Konstruktionen gesellschaftlicher
Geschlechtsrollenvorstellungen welche mit weiblicher Solidarität und familialer
Nähe verbunden sind, die Zugehörigkeit und die gegenseitige Erfahrung in derselben Geschlechter-Gruppe sowie das gemeinsame Erleben gesellschaftlicher
Statuspassagen, welche Teil vieler weiblicher Biographien sind: In verschiedenen Facetten von Schwesternbeziehungen spiegeln sich unterschiedliche soziale
Positionen und Bereiche wider, die vielfach mit einer Vorstellung von Weiblichkeit innerhalb und außerhalb der Familie unserer Gesellschaft verbunden sind, so
wie enge Vertrautheit, soziale Unterstützung und weibliche Solidarität. Darüber
hinaus unterliegen Nähe und Distanz auch unter Schwestern einem dynamischen
Wandel in unterschiedlichen Lebensphasen (Mauthner 2005b: 171 f.). Mit einer
sozialkonstruktivistischen Grundhaltung soll der grundsätzlichen Wandelbarkeit
und Veränderlichkeit von Normen, Rollen und Leitbildern in der Gesellschaft
Rechnung getragen werden. Eine Schwester zu haben oder zu sein ist für viele
Frauen eine oft lebenslange Realität und so ein weitverbreitetes familiales Band,
welches einen wichtigen Teil für weibliche Erfahrungen im Familienkontext
darstellt. Inwiefern Schwestern im Lebenslauf mehr oder weniger miteinander

Einleitung

13

interagieren, verweist eindeutig auf die soziale Konstruktion persönlicher Beziehungen, welche nicht einfach biologisch determiniert ist (Mauthner 2005b: 3,
2005a).
Um Schwesternbeziehungen aus soziologischer Perspektive zu analysieren,
habe ich acht narrative Interviews mit Frauen im höheren und hohen Alter aus
unterschiedlichen Familien über ihre Schwesternbeziehung(en) geführt. Dabei
hat mich die Frage angeleitet, was Schwestern eigentlich für eine soziale Gruppe
darstellen, was sie aneinander bindet und wie sich die Beziehung im Laufe des
Lebens wandelt. Dabei habe ich Einblicke in sehr unterschiedliche Schwesternbeziehungen bekommen, welche von innig bis ambivalent und bis zu nicht mehr
vorhanden reichen. Doch bei aller Verschiedenartigkeit zeigt sich bei allen Interviewten die Gemeinsamkeit, dass die Beziehung nicht vollends aufkündbar und
prägend für ihr Leben ist.
Die Arbeit gliedert sich in fünf übergeordnete Kapitel. Beginnen möchte ich
mit einem Überblick über den Stand der derzeitigen Familienforschung in Bezug
auf Familie und Geschwister (s. Kap. 1.1), auf Geschwisterbeziehungen in der
Kindheit (s. Kap. 1.2) und schließlich auf Schwesternbeziehungen im Speziellen
(s. Kap. 1.3). Da die Schwesternbeziehung in der vorliegenden Arbeit allein im
familialen Zusammenhang untersucht wird, baut diese Einbettung von Geschwisterbeziehung in die gesellschaftliche Institution Familie eine wichtige Verbindungslinie zu den späteren Fallanalysen, in denen deutlich wird, welchen Stellenwert nicht nur die eigene Kernfamilie, sondern auch die eigenen Herkunftsbindungen im Leben vieler Frauen im höheren Alter einnimmt. Das zweite Kapitel liefert theoretische Überlegungen zu einer Soziologie der Schwesternbeziehungen, die dieses bisher wenig soziologisch beleuchtete Beziehungsmuster mit
verschiedenen Sichtweisen analysiert, wobei sich daraufhin die Forschungsfragen anschließen. Das dritte Kapitel knüpft mit methodischen Überlegungen an
und diskutiert zunächst den biographischen Ansatz in Bezug auf Schwesternbeziehungen (Kap. 3.1, 3.1.1, 3.1.2). In den sich anschließenden Unterpunkten wird
die Forschungsmethode vorgestellt, wobei genauer auf die gewählte Erhebungsmethode des narrativen Interviews nach Schütze (u. a. 1983a) sowie auf das
Forschungsprogramm in Anlehnung an die Grounded Theory nach Strauss und
Corbin (1996) eingegangen wird, welches als fruchtbare Inspiration des gesamten Forschungsablaufs diente (Kap. 3.2). Das ‘Herzstück’ der Arbeit stellt das
umfangreiche vierte Kapitel Schwesterinteraktionen im Lebensverlauf in der
Präsentation der Ergebnisse der rekonstruktiven Fallanalyse dar: Die verschiedenen Facetten und Motive der Schwesternbeziehung, welche ich nicht als natürliche, sondern als soziale Konstruktion auffassen möchte, werden unter drei
Hauptkategorien vorgestellt: Unter dem Aspekt der gemeinsamen Sozialisationsgeschichte (s. Kap. 4.1), unter der Perspektive weiblicher Biographien (s. Kap.

14

Einleitung

4.2) sowie unter dem Aspekt der Ambivalenz zwischen Individualität und Kollektivität (s. Kap. 4.3). Diese Ordnung ergab sich nach den Einzelfallanalysen in
einer ersten komparativen Analyse in der Zusammenführung vergleichbarer
Lesarten zwischen den Interviews. In dem sich anschließenden kontrastiven
Fallvergleich (Kap. 5) werden die aus den Einzelfällen rekonstruierten zentralen
Motive inhaltlich gebündelt und in einen übergeordneten, theoretischen Zusammenhang gestellt. Der Schluss liefert eine kurze Zusammenfassung der zentralen
Befunde der Forschungsarbeit und gibt einen Ausblick auf mögliche, zukünftige
Forschungen.

1 Zum Forschungsstand: Familie und Geschwister

Die Forschungsarbeit untersucht Schwesternbeziehungen im Lebensverlauf.
Schwestern existieren außerhalb der Familie in vielen sozialen und kulturellen
Kontexten: Im Pflegebereich, in Klöstern, in der Literatur, in der Kunst, im Feminismus etc. Aufgrund der Eingrenzung des Forschungsbereichs Schwestern
allein auf den Bereich der Institution Familie ist eine theoretische Einbettung
von Schwestern- und Geschwisterbeziehungen im familialen Zusammenhang
sinnvoll und richtet den Blick auf ein häufig in der familiensoziologischen Forschung vernachlässigtes Subsystem der Familie.
Daher möchte ich deduktiv vorgehen und zunächst makrosoziologische Aspekte von Geschwistern und Familie aus sozialhistorischer und soziodemographischer Perspektive anführen und schließlich den Fokus auf Geschwister und
schließlich Schwestern richten. Dabei stehen einmal die Beziehungsmuster in der
Kernfamilie im Vordergrund, aber auch spätere Lebensphasen werden in der
Diskussion der Forschungsliteratur thematisiert, wobei mich die Fragestellung
anleitet, welche Rolle familiale Herkunftsbindungen im höheren Alter von Frauen spielen.
1.1 Familie und Geschwister aus sozialhistorischer Perspektive
Spricht man im soziologischen Kontext von Familie, so ist in der Regel die
Kernfamilie gemeint, die aus den Eltern und einem oder mehreren nicht mündigen und unverheirateten Kindern, die im gemeinsamen Haushalt leben, besteht
und die sich in modernen Gesellschaften als Kleinfamilie relativ unabhängig
vom übrigen Verwandtschaftssystem organisiert (Neidhardt 1974). Innerhalb der
Familiensoziologie hat sie sich mit der Annahme von der schwindenden Bedeutung und quantitativen Abnahme der erweiterten Familie zum Zentrum des Forschungsinteresses positioniert und mit klassischen Studien diese Forschungssicht
auf die reine Gattenfamilie eingeleitet (Durkheim 1892/1921). Das in der Familiensoziologie etablierte Kontraktionsgesetz der Familie nach Durkheim besagt,
dass durch sozialhistorische und strukturelle Entwicklungen in der archaischem
Hochkultur ein Trend von weiteren zu immer engeren Familienformen zu beobachten sei (König 2002: 404). Der Rückzug und die Beschränkung auf die Sicht
V. Bollmann, Schwestern, DOI 10.1007/978-3-531-94299-5_2,
© VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012

16

1 Zum Forschungsstand: Familie und Geschwister

der Kernfamilie im Privaten durchziehen bis heute die soziologische Forschungsperspektive. Zur erweiterten Familie bzw. Verwandtschaft zählen darüber hinaus auch familiale Beziehungen zu Großeltern, Onkeln und Tanten,
Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen (Rosenbaum 1998; Jakoby 2008).
Mit dem Auszug aus dem Elternhaus erhalten die Eltern und die Geschwister
folglich auch den Status von Verwandten (Rosenbaum 1998); die ursprüngliche
Kernfamilie wird nun zur Herkunftsfamilie. Nicht nur die Eltern-KindBeziehung ist demzufolge von Übergängen in Statuspassagen im Lebensverlauf
mit Einfluss auf die Beziehungsdynamik und die innerfamiliale Konstellation
gekennzeichnet1, sondern auch die Geschwisterbeziehung. Auch in historischer
Perspektive sind familiale Wandlungsprozesse erkennbar, welche Haushalts- und
Familiengröße sowie die gesellschaftliche Auffassung und Funktion von Ehe und
Kindern beeinflussen. Diese Entwicklungen von der vorindustriellen hin zur
modernen Familie in Bezug auf die Rolle von Geschwistern sollen in den folgenden Kapiteln nachgezeichnet werden.
1.1.1 Familiale Strukturen und demographischer Wandel in Deutschland
Insbesondere seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist die demographische Entwicklung in Deutschland überwiegend gekennzeichnet von durchschnittlich
sinkenden Fertilitäts- und Mortalitätsraten, was zu einer stetigen Ausweitung der
durchschnittlichen Lebenserwartung unter gleichzeitiger Unterschreitung der
Reproduktionsrate und so zu einer Zunahme der älteren Bevölkerung in Deutschland führt (Galler 1990; Höpflinger 1997a, 1997b: 86; Riley 2001; OnnenIsemann 2005b; Vaupel und Kistowski 2005). Daher erfahren auch Familienstrukturen in den letzten Jahren einen Wandel von grundlegender Bedeutung.
Durch diese Prozesse auf der Makroebene verändern sich auch zwangsläufig die
Sozialbeziehungen der einzelnen Mitglieder innerhalb von Familiensystemen
(Mesoebene) und den Eltern-, Kind- sowie Geschwisterbeziehungen (Mikroebene). Die Familie wird in der Luhmannschen Systemtheorie als soziales System
verstanden, ihre Ausdifferenzierungen als familiale Sub- oder Teilsysteme (z. B.
Geschwistersystem):
„Unter sozialem System soll hier ein Sinnzusammenhang von sozialen Handlungen
verstanden werden, die aufeinander verweisen und sich von einer Umwelt nicht dazugehöriger Handlungen abgrenzen lassen“ (Luhmann 1970: 115).

1

Zur Beziehungsdynamik von Eltern-Kind-Beziehungen im Lebensverlauf siehe ausführlich
Rossi und Rossi (1990).

1.1 Familie und Geschwister aus sozialhistorischer Perspektive

17

Das Gesamtsystem Familie gewinnt bei Ausdifferenzierungen von Teilsystemen
für diese die Funktion einer internen Umwelt (Luhmann 1987: 37).
Aber nicht nur in der vertikalen Betrachtung intergenerationaler Beziehungen haben sich Veränderungen ergeben, denn durch die Ausweitung der menschlichen Lebensspanne können mittlerweile bis zu Vier-Generationen-Familien
miteinander interagieren (White Riley 1983: 441; Nave-Herz und OnnenIsemann 2007: 316). Die höhere Langlebigkeit von Frauen ist schon seit Beginn
der Aufzeichnungen der Mortalitätsraten im 18. und 19. Jahrhundert, getrennt
nach Geschlechtern, bekannt (Luy 2002: 5). Interessanterweise hat die höhere
Lebenserwartung der Frau im Laufe der Zeit stetig zugenommen, was grundsätzlich zu einer deutlichen „Feminisierung des Alters“ (Höpflinger 1997a: 173,
1997b: 19) geführt hat, denn heutzutage ist in allen Industrienationen die Mehrheit der älteren Bevölkerung weiblichen Geschlechts (Höpflinger 1997a: 173).
Insbesondere ist daher auch die älteste Generation von der demographischen Transition betroffen (White Riley 1983; Galler 1990), was im besonderen
Maße für Frauen gilt, denn noch immer leben Frauen im europäischen Durchschnitt ca. vier bis sieben Jahre länger als Männer. In Deutschland beträgt die
Geschlechterdifferenz in der durchschnittlichen Lebenserwartung ab Geburt 5, 2
Jahre nach der Sterbetafel 2007/2009 (StBA 2010c).
Auch die Familie hat durch die veränderten Bedingungen der Lebensverhältnisse und der steigenden Lebenserwartung in den vergangenen 200 Jahren
strukturelle Umbrüche erfahren und das innerfamiliale Zusammenleben stark
beeinflusst. So wurde es immer wahrscheinlicher, dass Säuglinge das Kindesund Erwachsenenalter erreichten und in der Familie aufwuchsen; die Wahrscheinlichkeit früher Verwitwung ging zurück und man konnte sich zunehmend
auf einen langen Lebensabend einrichten (Mitterauer 2009: 85 f.). Diese gesellschaftlichen Entwicklungen hatten nicht nur positive Effekte: Insbesondere untere Schichten stellte die Existenzsicherung viele Familien beim Überleben von
mehr Kindern vor erhebliche Probleme, was eine Einschränkung der Geburtenzahlen im demographischen Übergang in Europa in allen sozialen Schichten zur
Folge hatte (Mitterauer 2009: 86).
Es stellt sich unter dieser Perspektive die Frage, welche familialen Bindungen der weiblichen Bevölkerung im hohen Alter eine existentielle Rolle spielen,
wenn zum einen Ehemänner bereits verstorben, zum anderen eigene Kinder (falls
vorhanden) aufgrund zunehmender Mobilitäten in Industriegesellschaften weiter
entfernt wohnen und sich in mittleren Lebensjahren auf ihre eigenen Familien
oder Karrieren konzentrieren (Bedford und Avioli 2001).

18

1 Zum Forschungsstand: Familie und Geschwister

„At a time, when people have launched their children and most likely left the labor
market, sibling and siblinglike relationships can fill a vacuum” (Bedford und Avioli
2001: 39).

Anhand dieser kurz skizzierten Entwicklungen schließt sich im familialen Zusammenhang die Frage an, welche Rolle horizontale Verwandtschaftslinien, wie
die Schwesternbeziehung, als potentielle soziale Unterstützung im höheren und
hohen Alter spielen.
Die Generation der heute 60-Jährigen (und älter) ist eine Generation, welche vom demographischen Übergang (das heißt von hohen zu niedrigen Fertilitäts- und Mortalitätsraten) zwar schon betroffen war, dennoch findet man gerade
in dieser Generation noch häufig eine breite horizontale Verwandtschaft, speziell
Geschwister (Johnson 1982; Galler 1990; Bedford und Avioli 2001; OnnenIsemann 2005). Nave-Herz (2009: 339) konstatiert, dass vor allem wenn die
Eltern-Generation verstorben ist, Geschwister wieder einen besonderen Stellenwert als persönliche Beziehung einnehmen, denn zum einen verbindet sie – in
positiver wie in negativer Hinsicht – die gemeinsame familiale Herkunft; sie
gehören somit immer auch derselben familialen Generation an, was bei einem
sehr großen Altersunterschied zwischen Geschwistern nicht heißt, dass sie auch
derselben gesellschaftlichen Generation zugeordnet werden können. Stimmen
aber familiale und gesellschaftlichen Generation überein, so sind Geschwister
mit denselben Fragen und Problemen des Alters etwa zur selben Zeit konfrontiert
und ähneln sich hinsichtlich Weltbild und Lebensstil (Höpflinger 1997b: 86).
Der demographische Wandel von steigender Lebenserwartung bei gleichzeitiger
niedriger Fertilität wird in den nächsten Dekaden zu einer Verschiebung von
sozialer, funktionaler und emotionaler Unterstützung, von inter- hin zu intragenerationaler Solidarität führen, wenn die „Baby-Boom-Generation“ der 1960er
Jahre ein hohes Alter erreicht hat, die sich noch durch eine hohe Geschwisterzahl, aber weniger Kinder auszeichnet (Gold 1989: 20). „Geschwisterbeziehungen vermitteln damit sozusagen zwischen familialer Vergangenheit und biographischer Gegenwart“ (Höpflinger 1997b: 86). Vielfach entsteht erst (erneut) im
hohen Alter eine tiefere, emotionale Bindung zwischen Geschwistern, wobei in
der Forschungsliteratur oft angemerkt wird, dass dies auf Schwestern im besonderen Maße zuzutreffen scheint (Cicirelli und Nussbaum 1989; Connidis 1989a,
1989b; Scott 1990; Höpflinger 1997b: 86). Das Warum hinter diesen Erkenntnissen bleibt in den meist quantitativ angelegten Studien, die sich Geschwisterbeziehungen im Allgemeinen zuwenden, aber nur unzureichend beantwortet.
Sozialen Beziehungen, insbesondere Verwandtschaftsbeziehungen älterer
Menschen, gilt dabei ein besonderes Interesse, da aufgrund der Verschiebung der
Altersstruktur der Anteil älterer Menschen und somit der Pflegebedarf ansteigt.

1.1 Familie und Geschwister aus sozialhistorischer Perspektive

19

Neben der in der Öffentlichkeit verbreiteten Diskussion um die Auswirkung des
demographischen Wandels auf die sozialen Sicherungssysteme sind im Hinblick
auf Pflegeleistungen vor allem auch informelle Unterstützungsleistungen relevant, welche zu einem großen Teil innerhalb der Familie geleistet werden (Galler
1990: 63 f.; Seubert 1993). Auch sind generell andere (meist weibliche) Personengruppen, und hier insbesondere die Töchter oder Schwiegertöchter, wichtiger
als professionelle Unterstützung in der Pflege, die laut einer quantitativen Analyse nach Daten des ALLBUS 1986 von Galler oft erst an zweiter Stelle genannt
werden (Galler 1990: 68; Seubert 1993).
Das Besondere der Geschwisterbeziehung innerhalb des Verwandtschaftssystems ist, dass sie über den Lebensverlauf die einzige Konstante verbleibt, während vertikale Verwandtschafts- oder Schwiegerbeziehungen zu Eltern, Kindern
und Ehegatten in der Lebensverlaufsperspektive einer größeren Instabilität unterliegen (Johnson 1982; Scott 1990: 89). Wenn auch die Kontakthäufigkeit im
Lebensverlauf einer Varianz unterliegt und es somit Phasen über mehrere Jahre,
vielleicht sogar Jahrzehnte gibt, in denen Schwestern wenig miteinander interagieren, so kann dieses Phänomen nicht zwangsläufig als mangelnde Bindungsintensität bzw. mangelnde emotionale Nähe gedeutet werden. Oftmals verhindern geographische Distanz oder besondere Lebensumstände (Beruf, Kinder)
eine intensivere Kontaktaufnahme. Daher wird von einigen Forscherinnen und
Forschern die symbolische Ebene der Schwesternverbindung betont, die auf
langfristiges Vertrauen dieser interpersonalen Interaktion seit der frühen Kindheit bauen konnte. Identifikation und Bindung zur Schwester bzw. zu den Geschwistern im Allgemeinen – trotz (quantitativ) geringer Kontakthäufigkeit –
wird daher eher über eine symbolische Dimension erzeugt und aufrecht erhalten,
indem zum einen periodisch Kontakt (Besuche, Briefe, Telefongespräche) aufrecht erhalten wird und zum anderen – bei Bedarf – jederzeit Hilfe und soziale
Unterstützung geleistet wird (Cicirelli und Nussbaum 1989; Scott 1990).
Durch die vorangegangenen Beschreibungen kristallisiert sich die gesellschaftliche Bedeutung horizontaler Verwandtschaftsbeziehungen im Lebensverlauf heraus, weswegen der Schwesternbeziehung besondere Relevanz zufällt.
Scott (1990) fasst die wenigen Untersuchungsergebnisse zu Schwesternbeziehungen wie folgt zusammen:
„There is growing evidence that sister pairs are the most salient sibling relation and
figure more prominently in emotional and instrumental support in comparison to dyads with brothers“ (Scott 1990: 93).

Innerhalb der Familiensoziologie hat die Schwesternbeziehung allerdings nur
marginale Beachtung gefunden. Wenn die Rolle der Frau innerhalb der Familie

20

1 Zum Forschungsstand: Familie und Geschwister

untersucht wird, richtet sich der Fokus meist auf die Paarbeziehung und die häusliche Arbeitsteilung, dann auf die triadische Untersuchung der Eltern-KindBeziehung oder Intergenerationenbeziehungen zwischen Mutter und Kind
(Mauthner 2005a: 624; Onnen-Isemann 2005). Somit nehmen Geschwisterbeziehungen für sich betrachtet ohnehin schon wenig Raum innerhalb der Familiensoziologie ein. Wissenschaftliche Forschungen verbleiben überwiegend im Bereich
der Psychologie (Nave-Herz und Feldhaus 2005: 111-117), wobei der Fokus
meist auf den Einfluss der Geburtenrangfolge als erklärende Variable verbleibt
oder die Eltern-Kind-Beziehung im Hinblick auf die Veränderungen in der Partnerschaft hin zur Elternschaft, ebenfalls als erklärender Faktor, im Forschungsinteresse steht (Johnson 1982: 157 f.). Somit werden Geschwisterbeziehungen
lediglich als familiales Subsystem meist als intergenerationale vertikale Verbindung zu den Eltern, weniger als unabhängige und eigenständige, intragenerationale horizontale Bindung, untersucht, worauf viele verschiedene Familienforscherinnen und –forscher hinweisen (Johnson 1982; Gold 1987: 199; Connidis
1989: 82; Gold 1989: 20 f.; Campbell et al. 1999: 114; zusammenfassend Lüscher und Liegele 2003: 184-187; Mauthner 2005a: 623 f., 628; Onnen-Isemann
2005a: 24). Hinzu kommt, dass vertikale Eltern-Kind-Beziehungen institutionalisierter sind und somit höherer sozialer Kontrolle (z. B. durch Staat, Schulen,
Kindergärten) unterliegen sowie Lebensformen wie Ehe und Familie intrinsisch
mit staatlichen politischen, das heißt öffentlichen Institutionen verbunden sind
und so in ihrer Wechselwirkung stärker professioneller und wissenschaftlicher
Aufmerksamkeit unterliegen als laterale Geschwisterbeziehungen (Mauthner
2005a: 629).
Die gegenwärtige Forschung hat somit bisher geringes Augenmerk auf die
Tatsache verwandt, dass sich in der Lebensverlaufperspektive die Geschwisterbeziehung von einem in der familialen Sozialisation vom Elternsystem sehr abhängigen, zu einem völlig autonomen Subsystem im Erwachsenenalter entwickelt (Scott 1990). Das Geschwistersystem ist daher konsequenterweise eines der
über den Zeitverlauf am längsten und stabilsten sozialen Systeme. Parsons
(1949) betont die Bedeutung der Heirat und der Kernfamilie mit ihrer offenen,
bilateralen Verbindung zu Verwandtschaftsbeziehungen. Mit Rückgriff auf Parsons stellt Johnson (1982) die Hypothese auf, dass der Geschwisterbindung unter
funktionalistischen Gesichtspunkten keine zwingende normative Kontinuität im
Verwandtschaftssystem zukommt, sondern Merkmale der erweiterten Familie
aufweist, welche auf optionale persönliche Wahlentscheidungen aufgrund gemeinsamer Interessen zurückzuführen sind.

1.1 Familie und Geschwister aus sozialhistorischer Perspektive

21

1.1.2 Familie und Geschwister in der vorindustriellen Zeit
Die vorindustrielle Großfamilie, welche mit der Vorstellung einer großen Kinderzahl verbunden ist, gilt bereits seit längerer Zeit als Mythos (Rosenbaum
1982a; Mitterauer 1991; Rosenbaum 1998). Obwohl die Geburtenzahl pro Frau
sehr hoch war, denn beispielsweise in den bürgerlichen und den Handwerks- und
Handelsfamilien hatte eine verheiratete Frau durchschnittliche acht bis zehn
Geburten (hinzu kamen Fehlgeburten), starben mehr als die Hälfte der Kinder
bereits im Säuglings- oder Kleinkindalter an externen Ursachen wie Epidemien,
Kriege und Hunger. Somit blieben nur durchschnittlich ca. drei bis vier Kinder
übrig (Nave-Herz 2003: 95, 2009: 340). Darüber hinaus waren die medizinischen
und hygienischen Verhältnisse zur jener Zeit noch äußerst defizitär. Die geringe
Lebenserwartung führte außerdem dazu, dass Ehen schon nach kurzer Dauer
durch den Tod eines Gatten beendet waren, wobei der ‘Wegfall’ von Familienmitgliedern durch Tod besonders in bäuerlichen und handwerklichen Familien
gravierende Folgen für den familialen und ökonomischen Zusammenhalt hatte
(Rosenbaum 1982a: 51). Personellem Ausfall in Kernfamilien wurde daher häufig mit Wiederverheiratung begegnet, weswegen die Stieffamilie, mit Stiefmutter- oder Stiefvätern sowie Stief- oder Halbgeschwistern, gerade in der vorindustriellen Familie große Verbreitung fand2. Somit muss in vorindustriellen Zeiten
vielmehr von einer Pluralität von Familienformen ausgegangen werden, in welchen auch Kernfamilien (besser: Kernfamilienhaushalte) durchaus häufig zu
finden waren (Rosenbaum 1998: 20).
Vor und noch während des 18. Jahrhunderts galt die menschliche, biologische Existenz als eine sehr unsichere Angelegenheit, die im Wesentlichen durch
lebensfeindliche, externe Umwelteinflüsse ständig bedroht war (Imhof 1988: 5).
„Die Einstellung, daß man mehrere Kinder haben wollte, um wenigstens das eine
oder andere am Leben erhalten zu können, war – und blieb noch lange Zeit – tief
verwurzelt“ (Ariès 1975: 98). Die Mortalitätsrate war somit in allen Altersgruppen sehr hoch und der Tod etwas ‘Alltägliches’, was für jede Altersgruppe jederzeit eintreten konnte3.
2

3

Somit ist das Aufkommen der Patchwork-Familie und dem Zusammenleben von Geschwistern
und Stiefgeschwistern als neue Familienstruktur nicht unbedingt ein völlig neues Phänomen
(Nave-Herz 2006: 67), beruht aber auf anderen (bewussten) Handlungsentscheidungen auf der
Paarebene (z. B. Scheidung, neue Familiengründung), während in der vorindustriellen Zeit diese Familienform durch Tod des/der Ehepartners/-partnerin eine hohe Verbreitung fand. Eine
qualitative Studie anhand von sechs Fallstudien über familiale Herausforderungen in Patchwork-Familien in der heutigen Gesellschaft liefert Sieder (2008).
Aus den angeführten Gründen erweist sich die These der besonderen Anfälligkeit der modernen Kleinfamilie durch die Herauslösung aus einem größeren verwandtschaftlichen Zusammenhang sowie dem generell diagnostizierten Niedergang der Familie durch den Kapitalismus

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